Bastian Lomsché im Gespräch mit Markus Thielemann über seinen Roman Von Norden rollt ein Donner, die Verklärung der Heide, den ersten Freund des Menschen, schlimme Chartmusik und deutsche Mythen.
Bastian Lomsché (BL): Eine Schäferfamilie in der Lüneburger Heide: Wann und wie ist dir der Gedanke gekommen, dass das ein Romansetting sein könnte?
Markus Thielemann (MT): Ich glaube, der Anstoß dazu kam mir tatsächlich beim Schauen einer NDR-Dokumentation, in der es um ein Hirtenpaar in der Lüneburger Heide und ihre Kangal-Hirtenhunde ging. Altertümliche, fast mythische Berufe, wie den einer Schäferin fand ich aber schon immer faszinierend. Unsere Vorstellungen von diesen Berufen und dem Landleben sind meiner Erfahrung nach ein wenig archaisch, haben aber mit der Realität oft wenig zu tun. Diese Brüche zu zeigen, war ein Ziel. Dann kam eins zum anderen.
BL: Das romantische Idyll aus Schäfer, Schnucken, Heidekraut fällt schnell in sich zusammen: Akustisch sind die Tests des Waffenhersteller Rheinmetall allgegenwärtig, die verdrängte NS-Vergangenheit wird durch vermeintliche Horror- oder Wahnvorstellungen nach oben gespült und die Familiengeschichte ist nicht von dieser deutschen Vergangenheit zu trennen, offenbart Erschütterndes. Du zerlegst, so könnte man sagen, gleich mehrere deutsche Mythen. Warum?
MT: Ich habe beim Recherchieren gemerkt, wie sehr die ganze Region in ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis mit dieser Landschaftsform verzahnt ist, wobei die Landschaftsform wiederum keine Natur, sondern das Produkt einer ehemaligen Übernutzung ist, die es seit über einem Jahrhundert nicht mehr gibt. Die Heide, die wir heute dort finden, ist also eine künstliche Landschaft, ein ästhetisches Ideal, die schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts wegen ihrer Schönheit und vielleicht wegen ihrer „Bedeutung als Heimat für das deutsche Volk“ geschützt wurde. Das fand ich total interessant, vor allem, wenn man sich dann einmal angeschaut hat, was dort tatsächlich seit der Jahrhundertwende die Geschichte der Region bestimmt und prägt: Nicht das Heidebauerntum, sondern das Militär. Aber auch da gibt es wieder einen Haufen Verknüpfungen. Über diese Frage könnte man vermutlich ein eigenes Buch schreiben!
BL: Dein Buch wurde als „Anti-Heimatroman“ bezeichnet. Ein Begriff, mit dem du etwas anfangen kannst?
MT: Total! Wenn Heimatroman die bewusste Verklärung einer Region und ihrer Geschichte bedeutet, ist das, was ich probiert habe, das Gegenteil davon.
BL: Die Handlung spielt 2014 am, wenn man so möchte, Vorabend vieler gegenwärtiger Krisen: Was können wir, was konntest du beim Blick zurück lernen?
MT: Dass es schnell gehen kann mit demokratischen Rückschritten und dass auch ich persönlich viele politische Entwicklungen damals nicht ernst genug genommen habe. Es gab seit der Gründung der BRD nie eine rechtsradikale Partei, die es über Landtagsposten geschafft hätte, bis die AfD 2013 aufgetaucht ist und es innerhalb von 12 Jahren geschafft hat, in den aktuellen Umfragen teils stärkste Kraft zu sein. Das Tempo ist das Erschreckendste. Plus, dass es wahrscheinlich kein schlimmeres Jahr als 2014 für Chartmusik gegeben hat!
BL: Da muss ich nachbohren.
MT: Haha, okay, lets go! Das ist natürlich alles subjektiv, aber: 2014 waren vor allem die EDM-Songs (Electronic Dance Music, d. V.) von Robin Schulz in den Charts, dann gab es Rather Be, dessen Geklimper sich mir bis heute ins Gehirn gebrannt hat und natürlich Auf uns, der WM-Song von Andreas Bourani. Insgesamt war es aber vor allem das Jahr von Helene Fischer und damit vielleicht der Urknallmoment für den Massenerfolg deutschsprachigen Schlagers. Vielleicht auch das ein Künder reaktionärerer Zeiten …
BL: Dabei war 2014 doch das Jahr, in dem Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, die EU den Friedensnobelpreis erhielt, die AfD gerade erst gegründet und unbedeutend war; Angela Merkel war schon neun Jahre Bundeskanzlerin, kein Ende in Sicht und selbst viele Linke konnten das nur unter größerer Anstrengung blöd finden. Sind das nicht die good old times, nach denen sich heute Viele sehnen?
MT: Oh je, der Friedensnobelpreis für die EU! Das hatte ich fast verdrängt. Ich denke, dass es teilweise stimmt mit den good old times, zumindest subjektiv (Angela Merkel hat mich als Kanzlerin durch die ganze Jugend und das Studium begleitet). Aber auch damals waren die Risse schon überall zu spüren und zu sehen: Krimkrise, der Genozid an den Jesidinnen und Jesiden im Nordirak durch den IS, NSU-Komplex. Zudem lese ich gerade, dass es damals das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war. Bezeichnend, dass ich das nicht so abgespeichert habe, es kamen wohl im Nachgang noch einige dazu. Angela Merkels Dauerkanzlerinnenschaft hat es wahrscheinlich geschafft, es so wirken zu lassen, als betreffe uns vieles davon in Deutschland nicht. Das stimmte natürlich nicht. Doch ich bin weder Historiker noch Politikwissenschaftler, da gibt es sicher viel Schlaueres darüber zu erzählen, wann alles in Schieflage geraten ist oder ob es überhaupt jemals gut war.
BL: Zurück zu deinem Roman. Was kann der Wolf im literarischen Kontext?
MT: Alles! Er kann symbolisch für eigene Stärke stehen, aber gleichzeitig auch für das Böse, das Andere, die unkontrollierbare Natur beispielsweise. Er gilt als ultimativer Feind, obwohl er von allen Tieren der erste Freund des Menschen war. Wahrscheinlich ist es das Tier, was dem Menschen zu gleichen Teilen sehr ähnlich und absolut fremd ist. Wölfe leben seit Jahrtausenden mietfrei in unseren Köpfen!
BL: Du bist viel unterwegs bei Lesungen, auch in ländlichen Regionen. Musst du viel über Wölfe sprechen? Wenn ja, wie muss man sich das vorstellen?
MT: Tatsächlich nicht so viel, wie man denken könnte. Es gibt natürlich große Unterschiede, je nachdem, wo man sich in Deutschland befindet: Im Norden und im Osten haben die meisten Leute auf den Dörfern schon auf die eine oder andere Weise mit Wölfen zu tun gehabt, sehr viele haben auch schon selbst einen gesehen. In anderen Regionen, vor allem im Süden, gibt es gerade erst die ersten Einzeltiere. Die Aufregung ist natürlich trotzdem groß. Aber eigentlich geht es bei den Lesungen viel mehr um die Aufarbeitung von regionaler Geschichte, da gibt es meiner Erfahrung nach in fast jedem Dorf und jeder Stadt noch einiges zu tun. Viel rede ich aber auch über NDR-Doku-Drehs!
BL: Diese sind in deinem Buch die vielleicht humorvollsten Stellen, aber auch jene, in denen einem der Protagonist Jannes in seiner Überforderung und seiner (Fremd)Scham am meisten leidtun kann. Was ist Jannes in deinen Augen für ein Typ, wie geht’s ihm 2025 und was ist aus ihm geworden?
MT: Das habe ich mich selbst auch oft gefragt. Lustigerweise habe ich erst gestern eine weitere Dokumentation über Schnucken und Wölfe in der Heide gesehen und Teil dieser Doku war ein heute 28-jähriger Schäfer, der seine Herde seit zehn Jahren hat, der also im Jahr 2014 fast wie Jannes war. Da habe ich mir die Frage auch gestellt. Ich glaube, solange sich in Jannes’ Leben keine einschneidenden Ereignisse wie Todesfälle, Unfälle oder Krankheiten ereignen, wird er weiter jeden Tag, also auch jetzt gerade, mit seiner Herde auf der Heide unterwegs sein. Er ist ein sehr vorsichtiger, verantwortungsvoller Typ und er würde seine Tiere und auch seine Eltern nicht im Stich lassen, auch wenn das bedeutet, selber zurückzustecken. Ich hoffe aber, dass er jemanden kennenlernt, der oder die dieses Leben mit ihm teilen kann. Und vielleicht trifft man ihn auch mal auf einer Demo gegen einen der AfD-Parteitage in der Heide, still, irgendwo am Rand. Das würde ich jedenfalls sehr schön finden.
BL: Du hast uns erzählt, dass du mit dem Theater bisher wenig bis gar nichts zu tun hattest. Was geht dir mit Blick auf die Uraufführung deines Romans durch den Kopf?
MT: Wie surreal das alles ist. Und wie fern von jeder Vorstellung meinerseits. Und was für eine Ehre! Ich bin einfach unglaublich gespannt! Und sehr unvoreingenommen.
BL: Möchtest du noch etwas loswerden?
MT: Ich bin sehr froh, wie das für mich und den Roman gelaufen ist und nehme das alles nicht für selbstverständlich. DANKE DANKE DANKE an alle! Auch natürlich an dich und Jan, alle vom Theater Magdeburg, die diese Adaption und Aufführungen möglich machen!
BL: Vielen Dank dir für dieses schöne Interview und natürlich den großartigen Roman.