Calle Fuhr nimmt sich für seinen neuen Abend in das Firmennetzwerk der Deutschen Bahn AG vor. Im Kurzinterview gibt es Auskunft über seinen neuen Soloabend, mit dem er am Theater Magdeburg gastiert.
Bist du Bahnfahrer?
Und wie! Ich sitze bestimmt einmal die Woche in einem ICE. In S-Bahnen und Regio-Zügen noch öfter. Dadurch bin ich mit allen Bahn-Wasser gewaschen: Von Zug-Evakuierungen auf offener Strecke über stundenlange Verspätungen bis hin zur minutengenauen Ankunft nach 400 Kilometern Fahrt.
In monatelangen Recherchen hast du dich tief in die Strukturen der Deutschen Bahn eingearbeitet. Welche Erkenntnisse haben dich überrascht und vielleicht dein eigenes Bild von den Ursachen der Bahnkrise grundlegend verändert?
Zuallererst hat mich die Komplexität überrascht. Die landläufige Antwort auf die Frage: „Wer oder was ist schuld am Zustand der Bahn?“ ist ja sehr kurz und einfach: Die Privatisierung der Bahn ist schuld. Das kann ich nach meinen Recherchen so nicht unterschreiben. Sie hat sicherlich einige Probleme zutage gebracht, aber auch andere gelöst. Denn was ist die Alternative? Die Bahn wieder verstaatlichen und daraus einen gigantischen Beamtenapparat machen wie zuvor? Das will – meiner Auffassung nach – auch keiner. Deswegen lohnt es sich genauer hinzuschauen.
Wie gelingt es, ein so komplexes Thema wie die Deutsche Bahn für die Bühne zu recherchieren und gleichzeitig verständlich und bei allem Frust über die Deutsche Bahn unterhaltsam zu erzählen?
Das Wichtigste sind klare Entscheidungen. Man könnte eine Doktorarbeit über die Bahn schreiben und hätte auch dann noch lange nicht alles Relevante zusammengetragen. Ich musste deswegen relativ schnell für mich erkennen: Was interessiert mich hier wirklich? Das ist ein wichtiger Schritt. Verständlich wird es dadurch, dass ich es selbst verstehe, mich nicht hinter Allgemeinplätzen verstecke, auch nicht bequeme Antworten liefre, sondern einzelne Mosaikstücke des großen Bildes Deutschen Bahn wirklich begreife. Unterhaltsam wird es gerade bei der Bahn dann schnell von selbst.
Deine aufwändig recherchierten Bühnenessays, zum Beispiel „Monopoly“, äußerst erfolgreich am Theater Magdeburg gelaufen, sind keine staubtrockenen Vorträge, sondern es gibt auch immer etwas zu lachen. Wie verändert Humor aus deiner Sicht den Blick des Publikums auf ein komplexes und eher nicht lustiges Thema wie die Krise der Deutschen Bahn?
Ich komme aus dem Rheinland, wir nehmen alles mit Humor. Gerade in einer Zeit, wo es nicht gerade an Krisen mangelt, halte ich das auch für essenziell. Denn verzweifelt den Kopf in den Sand stecken, das geht ja sowieso immer. Humor hält uns offen und erinnert uns vielleicht daran: Es könnte auch anders gehen.
Verändert sich die Bereitschaft des Publikums, sich auf komplexe Analysen einzulassen, wenn man zunächst gemeinsam lachen kann? Welche Erfahrungen hast du hier in deinen bisherigen Arbeiten gemacht?
Ich glaube diese Frage beantwortet sich fast von selbst. Wenn ich mich frage: Möchte ich lieber einem staubtrockenen Vortrag für 90 Minuten lauschen? Oder möchte ich 90 Minuten lang aufgerüttelt werden, lachen und trotzdem schlauer rausgehen als ich reingekommen bin? Dann weiß ich, was ich wählen würde.
Was wünschst du dir, dass das Publikum nach dem Theaterabend über die Bahn und ihre Zukunft neu denkt oder diskutiert?
Ich würde mir wünschen, dass erstmal klar wird: Ganz so einfach ist das mit der Bahn nicht. Es werden Fehler gemacht, teils grobe, ja. Gleichzeitig ist viel von dem Schlamassel, den wir heute erleben, historisch gewachsen und lässt sich nicht mal eben so verbessern. Deswegen wünsche ich mir gut gelaunte Debatten darüber, wie es besser gehen kann und was unsere eigene Verantwortung darin ist.