Mit Ausdauer gegen den Strom
1097 km durch die Ukraine

Eine einstündige Busfahrt bringt uns vom Flughafen in Dnipopetrowsk nach Saporischschja, eine alte Kosakenstadt, die heute vor allem Industriestadt ist, erklärt uns eine ältere Dame und weckt alle mittlerweile vor Erschöpfung eingeschlafenen zwölf Reisenden aus Magdeburg aus dem Schlaf. Wir fahren den zwölf Kilometer langen Lenin-Prospekt entlang, die angeblich längste innerstädtische Straße Europas. Leider sehen wir davon in den nächsten Tagen nicht viel, da eine Menge Arbeit vor uns liegt. Die gemeinsame Idee der Partnerstädte Magdeburg und Saporischschja, ein Theaterfestival stattfinden zu lassen, führt uns an das Magara-Theater.
Nach »Werther!«, der Magdeburger Aufführung, mit der wir das Festival eröffnen, herrscht Euphorie bei den über 700 Zuschauern. Raimund Widra, der diesen Soloabend spielt, muss Autogramme geben und für Selfies posieren. »So etwas haben wir hier noch nie gesehen!«, sagt die Schauspielerin Svetlana Remzhina aufgeregt zu mir. Auch am nächsten Morgen noch schwappt uns diese Begeisterung entgegen. Als wir in einem Workshop mit 30 Theatermachern aus der Region sitzen, erzählen uns die Teilnehmer aufgeregt, wie toll sie den Abend fanden.
In den Workshops zeigen wir szenische Lesungen ukrainischer Gegenwartsdramatik in deutscher Sprache und die Ukrainer ihrerseits Lesungen deutscher Stücke. In weiteren Workshops zu Licht- und Bühnentechnik sowie Dramaturgie erleben wir einen intensiven Austausch über unterschiedliche Arbeitsweisen und Zugänge zum Theater. Beim Lesen des Stücks »Sascha, bring den Müll raus« von Natalia Vorozhbyt geraten wir in die Diskussion darüber, mit welcher Leichtigkeit die Magdeburger Darsteller das Thema Krieg behandeln. Dass wir einen anderen, ironischeren Zugang haben, zeigt die Distanz, mit der in Deutschland oft inszeniert wird. Darauf kommen wir immer wieder: Im ukrainischen Theater ist eine emotionale Nähe zu Figuren und Geschehen bei Schauspielern und Zuschauern deutlich zu sehen, während das deutsche Theater mit Distanz arbeitet. »Wir drücken Gefühle stark aus. Im ukrainischen Theater weint man am Ende oder man lacht und klatscht laut mit. Im deutschen Zuschauerraum ist es meist still.«, stellt ein ukrainischer Regisseur fest.  
Am nächsten Tag zeigt Tatiana Leshchova, leitende Regisseurin und Schauspielerin am Magara-Theater, einen Monolog von Dario Fo. Es ist erfrischend, jemanden wie sie, die sich gegen den Konservatismus in der Ukraine stellt und moderne Dramatik spielt und inszeniert, hier kennenzulernen. Tatiana erzählt mir, dass sie für die Workshops Teilnehmer ausgesucht hat, in denen sie das Potenzial sieht, sich auf Neues einzulassen: »Die meisten der über 50 Schauspieler an diesem Theater hier sind alt und faul«. Sie erklärt mir, dass sich bei den kommunalen und staatlichen Bühnen ein Generationenwechsel noch nicht vollzogen hat, Intendanz und das meiste künstlerische Personal sind bereits über Jahrzehnte hier: »Die Zuschauer hier haben kein Interesse an politischen oder kontroversen Auseinandersetzungen im Theater. Sie wollen unterhalten werden. Das macht es oft schwer, sich zu motivieren oder neue Stücke durchzusetzen.« Das Theater in der Ukraine, abseits der drei Theatermetropolen Kiew, Charkiw und Lwiw, ist konservativ und traditionsverhaftet. Von Irina Redko, der Finanzchefin, erfahre ich, dass die Personal- und Betriebskosten zu 100% aus dem Kulturetat gefördert werden. Die Produktionskosten der Neuinszenierungen muss das Theater selbst erwirtschaften. Um politisch-kontroverse Themen machen die meisten Theater also einen Bogen, um kein Risiko einzugehen. Aus diesem Grund werde ich immer nervöser, wenn ich an den letzten Abend des Festivals denke, an dem wir unsere deutsch-ukrainische Koproduktion zeigen werden. »Warum überlebt Michailo Gurman nicht?« ist das bilinguale Auftragswerk von Pavlo Arie und eine Modernisierung des ukrainischen Klassikers »Gestohlenes Glück« von Ivan Franko. Es behandelt ein Dreiecksverhältnis zwischen zwei Männern und einer Frau mit schicksalhaftem Ausgang. Aries Stück zeigt die Gewalt von Männern über Frauen und verlegt die Handlung an die Schauplätze Ukraine und Deutschland. Der Regisseur Stas Zhyrkov, künstlerischer Leiter des kleinen Zoloti-Vorota-Theaters in Kiew, hat es in Magdeburg in einer provokanten und kritischen Inszenierung erfolgreich mit einem deutschen und zwei ukrainischen Schauspielern in mehreren Sprachen uraufgeführt. Die über 200 Zuschauer im Magara-Theater sind gebannt, und beim Schlussapplaus blicke ich in viele aufgewühlte Gesichter.

Am nächsten Morgen bricht nur das kleine »Gurman«-Team auf zu weiteren Gastspielen in Kiew und Lwiw. Als der Bus mit nur noch vier vom Vodka verkaterten Reisenden losfährt, lassen wir den Osten des Landes hinter uns. In Kiew ist nur wenig Zeit, uns umzusehen. Wir folgen einem der abschüssigen Bürgersteige und gelangen zum Maidan. Fast drei Jahre ist das Blutbad her, zahlreiche Fotos der hier ums Leben Gekommenen zeugen davon. Im Keller eines Wohnhauses im Regierungsviertel befindet sich Zhyrkovs Theater – eine der momentan spannendsten und erfolgreichsten Theaterinitiativen des Landes, die er als privater Investor, aber auch mit Hilfe regionaler Kulturämter betreibt. »Neues Theater wird also doch von staatlicher Seite unterstützt?«, frage ich ihn, als er mir sein Theater zeigt, das klein und technisch nicht gut ausgestattet ist. »Schon, aber dafür muss ich jeden Tag bei denen betteln gehen und nicht jeder hat so viel Ausdauer und Durchsetzungsfähigkeit.« In den Augen der vielen jungen Leute, die hier arbeiten, sehe ich die Leidenschaft, die in unserem alltäglichen Betrieb manchmal verloren geht. Am Abend muss aufgrund der wenigen Technik die Vorstellung improvisiert werden, aber das Publikum der zwei ausverkauften Vorstellungen ist begeistert. Wir packen hastig das Bühnenbild zusammen und als wir am frühen Morgen aus dem Nachtzug steigen, haben wir Lwiw erreicht. Im Lesya-Ukrainka-Theater, das ein junges Ensemble hat und mit mutigen Stücken nicht immer auf Gegenliebe der schon langjährigen Mitarbeiter trifft, bröckelt von den Wänden der Putz, lugen die Bretter aus dem Bühnenboden heraus und schweben noch die Geister vergangener Schauspieler herum, scherzt man hier gern. Pavlo Arie, Autor und Schauspieler am Haus, klagt über das, was ich so oft auf dieser Reise hörte: fehlende Reform- und Modernisierungsmaßnahmen in der Kulturpolitik, geringe finanzielle Mittel, die die Politik einschränken. Am Abend ist der kalte Zuschauerraum aber bis in die letzte Ecke gefüllt, ein Zeichen, dass trotz der engen Möglichkeiten neue und progressive Ästhetiken ihren Raum und ihren Zuspruch finden.
Es wird Zeit, Abschied zu nehmen von der Vielfarbigkeit dieses unglaublich schönen Landes und seiner Theaterlandschaft. Da unser Bühnenbild in zwei Kisten passt, werden wir hoffentlich noch einmal wiederkommen.

Der Text von Laura Busch erschien in der Juli-Ausgabe der Deutschen Bühne.

Kruso