Vor dem Ruhestand

von Thomas Bernhard

»Du bist schuld mit deinem Schweigen, du mit deinem ewigen Schweigen.«
VERA


In Österreich galt er als Nestbeschmutzer, geliebt und gehasst: Thomas Bernhard. Seine Sprache ist Musik, Worte sind seine Waffen und so erschafft er ein virtuoses Sprechtheater, das nicht müde wird, den Finger in die Wunde zu legen – so auch in »Vor dem Ruhestand«. Hier zelebriert Bernhard sein Leib- und Magenthema, die Auseinandersetzung seiner Landsleute mit dem Nationalsozialismus: Der ehemalige NS-Richter Höller lebt mit seinen beiden Schwestern zurückgezogen, und wie jedes Jahr begehen sie, ungeachtet des Endes des Zweiten Weltkrieges, den Geburtstag ihres geliebten Reichsführers SS Heinrich Himmler. Während um sie herum die Welt das Ende des Faschismus feiert, leben die Eingeschlossenen ihre grausam-emotionslose Ideologie trotzig fort. Der Vorausdenker Bernhard lässt seine Ruheständler – deren Sprache erschreckend aktuell ist – von einer Zeit träumen, in der sie sich wieder aus ihrer Höhle kriechend in voller Nazimontur in der Öffentlichkeit sehen lassen können und ihr krasses Denken salonfähig geworden sein wird. Die österreichische Regisseurin Susanne Lietzow bringt nun ihren Landsmann auf die Bühne des Schauspielhauses, nachdem sie hier 2015/2016 »Der Nazi & der Friseur« inszenierte.

Ein Gespräch mit Regisseurin Susanne Lietzow über ihre Inszenierung können Sie hier nachlesen.

Vorstellungen
Samstag
28. 10. 2017
19.30 Schauspielhaus / Bühne
Tickets
Samstag
25. 11. 2017
19.30 Schauspielhaus / Bühne
Tickets

Premiere am Sa. 7. 10. 2017

Regie Susanne Lietzow
Bühne/Kostüme Aurel Lenfert
Musik Gilbert Handler
Dramaturgie Maiko Miske

Rudolf Höller Thomas Schneider
Clara Susi Wirth
Vera Iris Albrecht

Pressestimmen

Dieser Moment aus einer makabren Himmler-Geburtstagsfeier ist eine von vielen eindrücklichen Szenen, mit denen Susanne Lietzow Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ im Schauspielhaus Magdeburg inszeniert hat. [...] Doch viel mehr an ironischem Kommentar erlaubt sich die Regisseurin nicht, sondern inszeniert zu Beginn dieser unheiligen Allianz der drei Geschwister einen furiosen Frauenstreit. Das ist vor allem für Iris Albrecht ein Parforceritt zwischen rechter Gesinnungsnörgelei („wer arm ist, ist selber schuld“) und Hass auf ihre linke, sozialistische Schwester Clara (Susi Wirth). Doch Clara ist, wenn auch meist stumm, nicht weniger präsent: Mal giftet sie mit schneidender Stimme, mal macht sie nur durch die Körperhaltung ihren Ekel deutlich. Die Kleider sind fein, der Schmuck glitzert – und verdecken doch nur falsche, scharfzüngige Freundlichkeit. Da seziert die Inszenierung sehr fein die vergiftete Schwestern-Beziehung. [...] Parallelen zu jenen, die heute wieder meinen, das müsse man doch mal wieder sagen dürfen, braucht Susanne Lietzow gar nicht aufzuzeigen, sie sind deutlich genug. [...] War manchem bis hierher noch nach Schmunzeln zumute, wird es nach der späten Pause endgültig rabenschwarz. Da ist man, mit Beethovens Neunter als Auftakt, mitten in der alkoholgetränkten Geburtstagsfeier für Himmler. Da ist die gut dreistündige Inszenierung bitterböse und konsequent: Denn am Schluß wird über den drei unheiligen Geschwistern schwarzer Moorschlamm ausgeschüttet, der auch aus dem Klavier quillt und die Wände schwärzt. Furioses Ende einer packenden Inszenierung.

Ute Grundmann, Die Deutsche Bühne online,
8. 10. 2017

Die Magdeburger Inszenierung in der Regie von Susanne Lietzow zieht in eine beklemmende Welt dreier Zombies, des einstigen SS-Manns und seiner Schwestern Vera und Clara. [...] Ausstatter Aurel Lenfert schafft es, einem doch großen Bühnenraum bedrückende Enge zu verleihen. [...] Iris Albrecht spielt die längst zum Tier gewordene agile Nazi-Schwester Vera [...]. Die Schauspielerin gibt eine kalte, boshafte Frau, durchtränkt von Hass, sich selbst verbietend, die Vergangenheit zu hinterfragen. [...] Susi Wirth zeigt im Rollstuhl ein Bild der Anklage, mit bebender Stimme, regungslos, blutleer, beobachtend. Sie beherrscht das Spiel ohne Worte. Ein splitterfasernackter Schneider – klein mit Plauze stolziert auf der Bühne, baut sich bedrohlich auf, brüllt, betrachtet das Bild Himmlers. Die Regisseurin setzt mit solchen Einfällen dem subtilen Humor des Bernhardschen Textes noch eins drauf. [...] Die Schlussszene an der Festtafel macht aus Bernhards „Komödie“ endgültig eine Groteske. [...] Das Premierenpublikum applaudierte lange für eine ideenreiche, wirkungsvolle Inszenierung mit drei grandios agierenden Schauspielern.

Claudia Klupsch, Volksstimme,
9. 10. 2017