INTERVIEW MIT FAYER KOCH ZU »ANOREXIA FEELGOOD SONGS«

In Vorbereitung auf die Vorproben der Uraufführung »Anorexia Feelgood Songs« sprach die betreuende Dramaturgin Caroline Rohmer mit dem Autor Fayer Koch. Er hatte Im Frühjahr 2020 mit seinem Entwurf zum Stück den »Preis der Jungen Dramatik« gewonnen, einem in der Spielzeit 2019/20 erstmals von den Theatern Magdeburg und Braunschweig gemeinsam ausgelobter Wettbewerb für Studierende der Schreibhochschulen Hildesheim und Leipzig. Das Preisgeld und die Uraufführung des Siegerstücks soll jungen Autor*innen den Einstieg in die Theaterwelt ermöglichen. Der Wettbewerb geht in der Spielzeit 2021/22 in die zweite Runde.

 


Fayer, woran arbeitest du gerade?
Jetztgerade bin ich beim Retzhofer Dramapreis in Graz eingeladen, weil ich da mit meinem Stück »Wir zwei« nominiert bin. [Anm.: Der Retzhofer Dramapreis wird alle zwei Jahre vergeben. 2021 erstmals auch in der Kategorie »Junges Publikum«, in der auch Fayer Kochs Stück nominiert ist.] Am Montag fahre ich direkt wieder zurück nach Leipzig. Ich bin in da im Moment in den Proben für eine Performance, die ich zusammen mit einer befreundeten Person mache die tanzt und die vorher schon was zum Thema chronische Schmerzen gemacht hatte. Und da haben wir gesagt: »Hey, wir haben beide was zu Krankheitsthemen gemacht, lass uns eine Performance machen.« Ich habe dafür nicht so viel geschrieben, ich mache vor allem den Sound. Es ist mehr eine Installation um das Thema Krankheit, aber eigentlich auch ausgehend von dem Stück hier. Die Premiere ist im Juli.

Wie ist es dir seit dem Gewinn des »Preises der Jungen Dramatik« ergangen?
Ich war ursprünglich tatsächlich auch mit »Anorexia Feelgood Songs« beim Retzhofer Dramapreis nominiert. Nachdem ich dann bei euch den »Preis der Jungen Dramatik« gewonnen habe, habe ich das den anderen mitgeteilt, dass die Uraufführung damit auch schon vergeben ist, denn der Gewinn beim Retzhofer Dramapreis beinhaltet auch eine Uraufführung. Deshalb habe ich einfach gefragt, ob ich trotzdem noch mit einem neuen Stück mitmachen kann. Ich habe aber keins, habe ich gesagt. Und dann haben die gesagt: »Joa also, wenn du jetzt schnell noch einen Stückanfang schreibst, dann kannst du mitmachen.« Also habe ich eben ganz schnell etwas geschrieben. Und dann ist daraus auch ein fertiges Stück entstanden. Es ist ein Jugendstück in dem es vor allem Dialoge gibt und das sich um Freundschaft dreht. Wie der Titel »Wir zwei« das schon sagt. Das Schreiben dafür hat etwa ein halbes Jahr gedauert.

Du bist also schon sehr zügig und routiniert!
Genau (lacht)! Es hat auf jeden Fall total viel verändert, dass ich einen Preis gewonnen habe, weil ich dadurch das Gefühl habe, mich in der Arbeit professionalisiert zu haben. Ich hatte vorher immer Probleme damit, das Schreiben als meine Arbeit zu denken aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich für mich auch sagen kann, dass ich Schriftsteller bin und nicht nur jemand der schreibt.

Hat sich seitdem auch dein Schreiben selbst stilistisch entwickelt oder verändert?
Ja auch, aber ich kann da ganz viele Schwellen ausmachen. Ich habe das Gefühl, dass sich das eigentlich immer konstant weiterentwickelt. Immer wenn ich etwas lese oder interessant finde werde ich durch bestimmte Stile wieder beeinflusst. Und es kommen immer wieder andere Themen in mein Leben. Man könnte es also eher als konstante Veränderung beschreiben.

Wie blickst du heute auf »Anorexia Feelgood Songs«? Die Uraufführung hat sich pandemiebedingt ja sehr nach hinten verschoben. Wie ist jetzt dieser nachgelagerte Prozess für dich?
Es war eine besondere Situation, aber alle Beteiligten sind damit ziemlich cool umgegangen. Ihr vom Theater Magdeburg habt für mich immer transparent gemacht, wie gerade der Stand ist und deshalb hatte ich nie das Gefühl, hängen gelassen zu werden. Aber tatsächlich ist es so, dass ich mich gerade ziemlich weit von dem Text entfernt fühle. Ich habe das Stück auf dem Weg nach Graz nochmal gelesen und da hatte ich teilweise so ein Gefühl, als habe es jemand anderes geschrieben. An manches konnte ich mich teilweise überhaupt nicht mehr erinnern. Es ist also gut für mich, mich nochmal damit zu beschäftigen bevor ich auf die erste Probe komme, sonst würde ich mich ein bisschen so fühlen wie in der Schule, als hätte ich die Hausaufgaben nicht gemacht und wüsste eigentlich nicht genau, was im Buch vorkommt. Dadurch, dass ich mittlerweile schon ein neues Stück geschrieben habe und auch jetzt schon wieder an was Neuem dran bin, ist »Anorexia Feelgood Songs« schon sehr verdrängt aus meinem Kopf.Aber ichbin immer noch total zufrieden damit und ich freue mich auch sehr darauf, jetzt zu sehen wie es weiter geht. Es ist eben so, dass ich jetzt nicht mehr persönlich so nah dran bin wie damals, als das auch noch emotional viel mit mir gemacht hat beim Schreiben. Die ganze Story so hochzuholen und zu gucken, wie sie literarisch funktioniert, ist jetzt interessant. Der Text ist abgeschlossen, tritt immer weiter weg von mir, je mehr ich andere Sachen mache, und entwickelt sich jetzt auf einer anderen Ebene weiter.

Mit welcher Erwartung, würdest du sagen, kann man in die Uraufführung rein gehen? Wir würdest du dein Stück mit drei Worten beschreiben?
Drei Worte? Also ich würde sagen sommerlich-leicht. Ist ein Wort, oder?

Auf jeden Fall.
Außerdem traurig und ratlos.

Ratlos?
Ja, in dieser Mischung mit sommerlich-leicht und traurig. Ich habe ein bisschen Angst davor, dass Leute, die den Titel hören oder die Stückbeschreibung lesen, denken, dass es sowas ganz Schweres ist und ich glaube, dass es das nicht ist. Zumindest habe ich es so geschrieben, dass die Traurigkeit sich immer wieder aufhebt. Aber ich bin selber irgendwie auch ratlos, wie gut mit dem Thema Magersucht und auch mit dem Thema Menschlichkeit umzugehen ist, in dieser Gesellschaft in der wir leben. Und diese Ratlosigkeit möchte ich auch transportieren.Damit es zur Diskussion anregen kann und auch die Komplexität seiner Themen aufzeigt.

Die Kombination aus Schwere und Leichtigkeit liegt ja schon im Titel.
Ja genau. Und die Songs die im Titel angesprochen werden, gibt es ja vielfach im Stück. Ich habe Liedtexte geschrieben, alles spielt im Sommer und hat oft so ein Feelgood-Feeling. Ich habe mir dazu eine Cocktailbar vorgestellt, Bastsonnenschirme, Sonnencreme. Und gleichzeitig geht es immer wieder um Unsicherheit und letztlich den Tod.

Welche Rolle spielt Musik insgesamt in dem Stück?
Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, alles in einer musikalischen Weise geschrieben zu haben. Ich hatte beim Schreiben eine Art Rhythmus im Kopf. Die Musik, die immer wieder auftaucht, ist eigentlich eine Erinnerung an die Schönheit des Lebens oder Erinnerung daran, dass es eben noch eine Welt außerhalb gibt, als die Welt in der der Protagonist sich befindet.

Ich hatte den Eindruck, du lässt das Ende bewusst offen?
Ja, es weist in viele mögliche Richtungen. Ich habe ein textliches Ende gefunden, aber wie die Geschichte endet, weiß ich selbst nicht so richtig und ich hoffe, dass alle Leute, die das sehen, sich das selber zu Ende denken. Irgendwie gibt es in diesem Stück schon ganz viele Strukturen und Leute, die darum kämpfen, dass es dem Protagonisten gut geht. Es ist noch nicht alles verloren, aber es gibt eben noch keinen richtigen Ausweg für das Ende.


Fayer Koch, 

1989 geboren, studierte Linguistik in Potsdam und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Kurzprosa und Lyrik, die bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden, sowie Theaterstücke, die im  Rowohlt Theaterverlag erscheinen. Mit »Anorexia Feelgood Songs« gewann er 2020 den »Preis der Jungen Dramatik«, der Theater Magdeburg und Braunschweig. Sein Stück »Wir Zwei« war in der Kategorie »Junges Publikum« beim Retzhofer Dramapreis 2021 nominiert. Fayer Koch ist Teil des queerfeministischen Autor*innenkollektivs Taxiboytoy. Er lebt in Leipzig.