Die Stunde da wir nichts voneinander wußten

von Peter Handke | Ein Stück ohne Sprache

»Was du gesehen hast, verrat es nicht; bleib in dem Bild.«
Peter Handke

Ein Platz in irgendeiner Stadt in Deutschland, in Europa, in der Welt wird zur Bühne des Alltags der Menschen, die ihn bevölkern. Es sind zahllose Passanten, die kommen und gehen: Männer wie Frauen, Geschäftsleute wie Obdachlose, Fremde wie Einheimische, Normale und Verrückte. Sie kommen allein oder sind zu zweit, vielleicht bilden sie eine Gruppe. Sie begegnen einander oder auch nicht. Sie alle haben ihre Geschichten, Gedanken, ihre Erlebnisse. Die Zeit vergeht, das Bild, es verwandelt sich. Die Menschen auf dem Platz hinterlassen Spuren. Und was uns als gewöhnlich erscheint, wird auf einmal besonders. Der Alltag weckt Interesse. Der Blick des Beobachters schärft sich, macht kleinste Details sichtbar. Details, die sich zu einer Geschichte verdichten: Zu einem Puzzle des Alltags. Ein Alltag, der Vielfalt ist. Wir sind die Augenzeugen dieses Straßentheaters. Einer Geschichte, die ganz ohne Worte, ohne Dialoge auskommt. Denn Peter Handkes Stück ist stumm. Es spielt mit der Poesie der Bewegung, der Zeichen, der Körper. Und alle erzählen sie die Geschichte von Deutschland, Europa und der Welt.

Vorstellungen
Aktuell sind keine weiteren Termine bekannt.

Regie Cornelia Crombholz
Bühne/Kostüme Marion Hauer
Choreografie David Williams
Dramaturgie David Schliesing, Maiko Miske

Mit
Iris Albrecht, Pia-Micaela Barucki, Nadine Nollau, Maike Schroeter, Marie Ulbricht, Susi Wirth, Wolfgang Boos, Cornelius Gebert, Marian Kindermann, Amadeus Köhli, Raphael Kübler, Zlatko Maltar, Ralph Opferkuch, Thomas Schneider, Burkhard Wolf

Statisterie des Theater Magdeburg
Sven Bachor, Steffen Brauns, Paula Engel, Katja Geier, Carolin Günther, Katja Gutknecht, Uwe Hoffmann, Maria Köhls, Sarah Kowallik, Konstanze Mazur, Guido Neumann, Lukas Richter, Annette Schöpke, Patricia Sölter, Anh Quynh Tran, Jade Rasch, Annelie Kannenberg-Bode

Pressestimmen

  … eine Sternstunde für das Theater Magdeburg. Was eingangs chaotisch wirkt, formt sich Stück für Stück zu beeindruckenden Bildern. Allmählich entwickelt sich das Laufen, Schreiten, Spazieren, Rennen und Marschieren zu Momentaufnahmen einer Realität, die wir so noch nie bewusst wahrgenommen haben, weil wir stets Teil der Bewegung waren. Keine gesellschaftliche Macht, ob Kirche, Wirtschaft oder Militär, kein herausragendes Ereignis der Weltgeschichte wird in den oft nur Sekunden dauernden Bildern ausgelassen. Man wird hineingezogen in diesen Sog: Schnell, schneller, noch schneller! Das ist eine fast unglaubliche Leistung der Darsteller. Wie Regisseurin Cornelia Crombholz und Choreograph David Williams aus all den Facetten ein Gesamtkunstwerk formten, war begeisternd. [...] Nicht anders ist es mit dem Kriegsgeschehen, bei dem Soldaten in verschiedenen Uniformen eines bewirken, dass nämlich Schutz suchende Menschen fliehen. Es sind mit die stärksten Momente in einem Stück, das ohne Worte auskommt und trotzdem atemberaubende Spannung erzeugt.

Rolf-Dietmar Schmidt, Volksstimme, 15. 5. 2017

Cornelia Crombholz inszenierte am Theater Magdeburg Handkes »Die Stunde da wir nichts voneinander wußten«. Ein Piazza-Panorama. Kein einziges Wort, nur Kommen und Gehen, Begegnung und Versäumnis, Aufprall und Abdriften. Ein Endlos-Band von Mini-Geschichten. Dutzende von Schauspielern und Statisten in einem bezwingenden Auftrittsrausch der Sekunden-Dramen, der Moment-Tragödien, der Augenblicks-Komödien, der Wimpernschlag-Romanzen. Vor einem Wolkenhimmel-Prospekt (Bühne: Marion Hauer) ein Menschen-Menschheitsgeschichte(n)-Kaleidoskop. [...] Handkes Theater kreist um den notwendigen Bruch des Menschen mit der eigenen Rohheit. Nur der Mensch, der »durchlässig« wird (auch so ein Hauptwort des Dichters), ist rettungsfähig: »Es erzählt sich ihm alles. Die Welt erzählt sich ihm, weil er sie durch sich durchlässt. Durchlassen ist auch schmerzlich.« Darin besteht das Wesen dieses Magdeburger Abends. Leben: sich in die Welt hinein übersetzen, bis man sich selber auf neue Art verständlich wird – aber plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist.

Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland,
9. 6. 2017