Der Nazi & der Friseur

nach dem Roman von Edgar Hilsenrath

Für die Bühne dramatisiert von Susanne Lietzow

»Was will Max Schulz? Wem will er die Schuld in die Schuhe schieben? Seine Mutter? Den Juden? Oder dem lieben Gott? Aber ich will ihnen ja nur meine Geschichte erzählen … in systematischer Reihenfolge … drückt man sich so aus?«

Max Schulz, unehelicher Sohn mit fünf verschiedenen möglichen Vätern, wächst zusammen mit dem gleichaltrigen jüdischen Nachbarssohn Itzig Finkelstein auf. Itzigs Vater besitzt einen Friseursalon und Max lernt durch die Familie die jüdischen Traditionen, Gebräuche, die Sprache und Schrift sowie das Handwerk des Friseurs kennen. Die Freundschaft der beiden wird durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten zerstört – Itzig wird im KZ umgebracht und Max beteiligt sich als Vorzeige-SS-Offizier an den Kriegsverbrechen des Dritten Reichs. Um nach 1945 der Gerechtigkeit zu entfliehen, bemächtigt er sich der Identität von Itzig und wandert nach Palästina aus. Dort schließt sich Max der jüdischen Untergrundbewegung an und kämpft gegen die Briten.

Auch in der Bühnenfassung des Romans, die in Magdeburg ihre Uraufführung erlebte, kommt das Groteske der Geschichte und der eigentümliche und sarkastische Sprachwitz des Romans zum Tragen – eine schockierende Metapher deutscher Geschichte.

Vorstellungen
Aktuell sind keine weiteren Termine bekannt.

Regie Susanne Lietzow
Bühne/Kostüme Aurel Lenfert
Video Petra Zöpnek
Dramaturgie Lisa Dressler

Max Schulz Konstantin Lindhorst

Mira Finkelstein, Minna Schulz, Frau Holle, DP-Krankenschwester Susi Wirth

Chaim Finkelstein, Pelzhändler, Abramowitz, Maurergehilfe Hans Huber, Veronja, eine polnische Hexe, Amtsrichter Wolfgang Richter, Haganah-Soldat Thomas Schneider

Die dürre Hilda, Hausdiener Adalbert Hennemann, Itzig Finkelstein, SS-Soldat, Katjuscha, eine Ziege, Hannah Lewisohn, eine Ballerina Raphael Gehrmann

Fleischer Hubert Nagler, Siegfried von Salzstange, Günther Holle, Der Rabbi, Haganah-Soldat Raphael Kübler

Schlossermeister Franz Heinrich Wieland, Anton Slavitzki, Adolf Hitler, Amerikanischer Major, SS-Soldat, Max Rosenfeld, Haganah-Soldat Sebastian Reck

Kutscher Wilhelm Hopfenstange, Willi Holzhammer, Amerikanischer Sergeant, SS-Soldat, Horst Kumpel, Haganah-Soldat Timo Hastenpflug

Video

Pressestimmen

Ein greisenhaftes Kind sitzt in einem Lichtstrahl und Nebel allein auf der Bühne. Noch weiß es nicht, dass aus ihm einmal der Nazi-Massenmörder Max Schulz und das jüdische Opfer Itzig Finkelstein werden wird. Doch schon in den Jubel über seine Geburt, der rund um es begangen wird, kann es nicht einstimmen. Mit dieser beeindruckenden Szene beginnt im Magdeburger Schauspielhaus die Inszenierung von Edgar Hilsenraths Roman »Der Nazi & der Friseur«, den die Regisseurin Susanne Lietzow als Bühnenfassung eingerichtet und inszeniert hat.

Ute Grundmann, nachtkritik, 3. 5. 2015

Die Magdeburger Inszenierung zeigt sich von diesem Philosemitismus, also einer den Juden oder dem Judentum wohlgesonnenen Haltung aus einem tiefen Schuldgefühl heraus, völlig unbeeindruckt. Susanne Lietzow greift die Intention des Autors der grauenhaften Selbstverständlichkeit und der Absurditäten des menschlichen Handelns, des menschlichen Seins, des Mensch- oder Unmenschseins, mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen auf. Sie setzt das in eindrucksvolle Bilder, schockierendes, mitunter abstoßendes Geschehen um, entschärft aber zugleich durch die lakonische Gleichmut des Protagonisten die mitunter kaum auszuhaltende Dramatik. Möglich wird das durch eine ohne Ausnahme herausragende schauspielerische Leistung. In der Massenmörder-Rolle des Max Schulz verdient sich Konstantin Lindhorst in all der menschlichen Zerrissenheit eines Opportunisten, der »sein Mäntelchen in jeden Wind hängt, egal, aus welcher Richtung er bläst«, allerhöchste Anerkennung. Alle übrigen Schauspieler glänzen zudem in mehreren Rollen. [...]
Die Inszenierung von »Der Nazi der Friseur« ist nicht nur ein mutiges und ungeheuer aufrüttelndes Stück. Es ist vor allem eine Mahnung in einer Zeit, in der sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ganz heimlich wieder einschleichen. Und es ist ganz großes Theater.

Rolf-Dietmar Schmidt, Magdeburger Volksstimme, 4. 5. 2015