Freude an der Niederträchtigkeit

Regisseurin Susanne Lietzow im Gespräch

 

Welche Verbindung, welchen Bezug hast du als Österreicherin zu Thomas Bernhard?
Für mich ist Bernhard wie Muttermilch. Ich war sicher zwei, drei Jahre lang, in meiner Pubertät, »Bernhard-abhängig«. Das war die Zeit, in der Bernhard – unser »Nestbeschmutzer« – sehr skandalisiert wurde. Eine Zeit, in der gerade damit begonnen wurde, die Vergangenheit aufzuarbeiten: Mitte der 80er Jahre versuchte man aus der Nachkriegsverdrängung herauszugehen und Österreich musste unter »Schmerzen« seine Rolle als »erstes Opfer des NS-Regimes« aufgeben. Bernhard ist ein großartiger und radikaler Autor. Eine Grundfaszination an Bernhard ist seine präzise Sprache, seine Freude an der Niederträchtigkeit und sein Mut zur realen Unerträglichkeit. Diese große Genauigkeit in der Gemeinheit fasziniert mich.

Im Stück sagt Vera an einer Stelle »Eines Tages kannst du ganz offen / darüber reden worüber du jetzt schweigen mußt«. Im Grunde eine Utopie, die gar nicht mehr so utopisch scheint.
Das ist ja der Grund, warum wir das Stück jetzt machen. Dass das wahr geworden ist. Durch den Rechtsruck in fast ganz Europa und auch Amerika hat sich die politische und auch die private Sprache komplett radikalisiert.

Womit hängt das zusammen?
Das hat natürlich politische Ursachen und hängt damit zusammen, dass die rechten Parteien in der gesellschaftlichen Mitte angekommen sind. Sie haben sich aus dem Extremen herausbewegt und sind jetzt sozusagen wählbar geworden. Und es hat damit zu tun, dass dieses rechte, das nationalistische Gedankengut nur geschlummert hat und jetzt wieder ans Tageslicht kommt.

Würdest du sagen, dass der Nationalsozialismus dein Thema ist, nachdem du ja bereits in der Spielzeit 2014/2015 am Schauspielhaus Magdeburg »Der Nazi & der Friseur« inszeniert hast? Was interessiert dich daran?
Es ist ein sehr wichtiges Thema. Und es ist ein Thema, mit dem man sich unbedingt beschäftigen muss. Weil wir jetzt gerade wieder in eine Situation hineinrutschen, die erstaunlich an die 1930er Jahre erinnert. Der Ausspruch »Wehret den Anfängen!« betrifft uns als Theatermacher schließlich sehr. Es ist absurd, wie kurz diese große Verwerfung des Dritten Reiches eigentlich her ist. Und es ist trotzdem möglich, dass jetzt wieder dieses Gedankengut wächst. Das macht Angst!

Bühnen- und Kostümbild, das du mit Aurel Lenfert entwickelt hast, und inszenatorische Setzung sind in diesem Fall sehr besonders. Kannst du das ausführen?

Das unausrottbare Gedankengut, das nicht entwickelbar ist, war als Grundlage ein sehr früher Gedanke. Die Figuren sind wie Dinosaurier, die aber nicht sterben können. Diese Verknöcherung, Verhärtung, Verbeinung war immer ein Grundgedanke, weshalb unsere Figuren diese Attribute der Saurier haben. Und aus diesem Sauriergedanken heraus haben wir dann gemeinsam entschieden, dass wir nicht das deutsche Wohnzimmer wollen. Dass wir die Grundsituation mehr freistellen wollen, um so etwas wie eine Aufsicht auf diese unkaputtbaren skulpturalen Wahnsinnigen zu bekommen. Man delektiert sich ja auch. Das Gemeine, das Bösartige erfreut ja auch.

Welche Rolle spielt die Musik?
Es gibt die Ebene des Außenseiters innerhalb dieses Systems, desjenigen, ohne den das System nicht funktionieren würde. Und für diesen Außenseiter gibt es größere Kompositionen, die wir »Lieder der Vergeblichkeit« nennen. Außerdem wollen wir einen Aspekt bedienen, der schon bei Bernhard deutlich wird: die Vergewaltigung von Meisterwerken, die nationalsozialistische Inbesitznahme von Meisterwerken.

Das Gespräch führte Maiko Miske