Entkommen aus der Einsamkeit

Regisseur Stephan Thiel und Dramaturg Maiko Miske im Gespräch

 

Du bist ausgebildeter Schauspieler. Inwieweit bietet das für dich als Regisseur in der Arbeit mit Schauspielern einen Vorteil?
Der Vorteil ist, dass ich mir vorstellen kann, wie es ist, auf der Bühne zu stehen. Ich kenne bestimmte Probleme oder Vorgänge von innen und weiß, wie man sich in bestimmten Situationen, die szenisch vielleicht schwierig sind, fühlt. Als Regisseur fällt mir dadurch schneller etwas ein. Meine Arbeitsweise ist vielleicht ein bisschen praktischer ausgerichtet als die eines Regisseurs, der die Dinge nur von außen beschreibt. Ich versuche sie vor allem auch schauspieltechnisch zu erklären.

In »Ab jetzt« steckt eine Fülle von Themen. Welche interessieren dich besonders und worum geht es für dich im Kern des Stückes?
Ich glaube, im Kern geht es um die Suche nach Liebe und um das Entkommen aus der Einsamkeit. Unsere zentrale Figur Jerome ist ein sehr einsamer Mensch, der das aber nicht immer war. Er vermisst andere Menschen, ist aber durch sein eigenes Verschulden in diese Lage gekommen. Das möchte er wieder ändern. Nur leider weiß er nicht, wie. Darüber hinaus gibt es andere wichtige Motive. Das Pygmalion-Thema finde ich zum Beispiel ein ganz interessantes: Ein Mann schafft sich eine Frau nach seinen Wünschen. Das Schöne in unserem Stück ist, dass diese Frau nie so funktioniert, wie der Mann sich das ursprünglich gewünscht hat. Wir wissen nicht genau, warum sich unsere Hauptfigur diese Frauen, diese Roboterfrauen erschaffen oder modifiziert hat. Wir können nur darüber spekulieren, weil es im Stück nicht ausgeführt wird. Was wir aber sehen, ist, dass sie nicht funktionieren und dass das unsere Hauptfigur ganz schön fertig macht. Das ist sehr lustig!

Alan Ayckbourn spricht in Bezug auf »Ab jetzt« davon, dass es eines seiner düstersten Stücke sei. Es habe dystopische Züge und sei vor allem nicht nur eine Komödie – eher ein Stück über eine finstere Zukunftswelt. Wie siehst du das und spielt diese Farbe in deiner Inszenierung eine Rolle?
Diese Farbe spielt bei uns eine nicht so große Rolle, was daran liegt, dass wir mittlerweile in einer anderen Zeit leben. Das Stück wurde 1987 geschrieben. Die Zukunft ist für uns oft – auch geprägt durch Medien und Filme – sowieso eine Dystopie. Es ist ganz klar, dass die Zukunft finster ist, dass es randalierende Banden, Anarchie und Chaos gibt. Aber in der Welt, die wir in dem Stück sehen, gibt es auch noch Ordnungsorgane. Es gibt Menschen, die in ganz normalen Wohnungen leben. Bloß sind diese Wohnungen verbarrikadiert. Ich glaube, dass man sich auch in schlimmen Zeiten sehr schnell anpasst. Und so sind unsere Figuren auch an diese schlimme Zeit angepasst. Jerome weiß ganz genau, wie er mit den Gangs in seinem Viertel umgehen muss und schafft das auch. Daher wollte ich diesen Aspekt zwar nicht weglassen, aber auch nicht betonen.

Das Stück ist über 30 Jahre alt und war damals eine Zukunftsvision. Um was würde es deiner Meinung gehen, wenn das Stück heute geschrieben werden würde? Um dieselben oder ganz andere Themen?
Roboter wären sehr viel weiter entwickelt und würden damit ganz andere Problematiken hervorbringen. Möglicherweise würden Roboter mitspielen, die wirklich denken und fühlen können. Dadurch könnten sie ganz andere Gegenpole für die Figuren sein. Allerdings wäre dann die Frage, ob sich der Kern des Textes noch erzählen ließe und ob es nicht ein vollkommen anderes Stück wäre: Im Ringen um die Liebe, müsste ein Mensch gegen eine künstliche Intelligenz bestehen. Es wäre viel wichtiger, ob man sich dann für einen Roboter oder doch für das lebendige Wesen entscheidet. Damals war das lustig, eine kaputte Roboterfrau auf die Bühne zu bringen. Heute wäre das ein hochentwickeltes Wesen, das sehr viel Gegenwind erzeugt.

Unser Protagonist Jerome erleidet eine Schaffenskrise, weil ihm Inspiration und Muse fehlen. Hattest du in deiner künstlerischen Arbeit auch schon einmal eine Blockade?
Ja, interessanterweise am Anfang meines Berufslebens. Damals hatte ich den Eindruck – aber das ist vielleicht auch ein typisches Phänomen der Jugend – nicht zu wissen, wo es hingeht oder wo mein Platz im Schauspiel oder Theater ist. Da hatte ich mehr Probleme. Jetzt, wo ich zwei Kinder habe, stellt sich mir die Frage komischerweise weniger. Ich kenne das Problem mit der Schaffenskrise in der Form, dass mir nichts einfällt, nicht. Ich kenne eher die Erschöpfung, dass man zu viel gearbeitet hat und man freie Zeit braucht, Ruhe, um wieder aufzutanken. Aber dass mir nichts einfällt, wie Jerome, das kenne ich nicht. Theater ist in diesem Fall aber eine andere Kunstform als beispielsweise Musik oder Malerei. In der Musik muss man im Kopf eine Melodie hören, ein Lied oder eine Sinfonie. Als Maler muss man das Bild sehen, was man malen will. Das ist im Theater ein bisschen anders, weil wir oft konkrete Vorlagen umsetzen.

Deine Inszenierung ist Teil unserer Science-Fiction-Reihe, für die wir unser Studio in die Raumstation »Paradies« verwandelt haben. Wie gehst du mit der von Christiane Hercher geschaffenen Raumbühne um?
Christiane Hercher hat einen Entwurf gemacht, der wunderbar zu unserem Stück passt und durch Modifikation auch alle anderen Stücke bedient, die in diesem Einheitsraum zur Aufführung kommen.
Unser Stück spielt in der Zukunft, aber Fragen wie: »Wie wollen wir leben? Wie müssen wir leben? Was kann sich entwickeln?« stehen nicht im Zentrum der Handlung. Deshalb ist unser Stück eher eine kleine Atempause in diesem Science-Fiction-Setting, oder vielmehr ein Luftholen, weil wir die erste von vier Inszenierungen in der Raumbühne sind.