Die Frauen und der Scharfschütze

von Tetjana Kyzenko

Uraufführung
Aus dem Ukrainischen und Russischen von Lydia Nagel

»Warum muss man kämpfen, damit Frieden wird?«

Der junge Offizier Ljoscha ist Scharfschütze einer Spezialeinheit der ukrainischen Armee. Die Aufstände am Maidan, bei denen er Menschen getötet hat, halten nun schon Monate an. Desillusioniert von den Ereignissen will er nicht mehr und fängt als Hausmeister im Museum, in dem seine Frau arbeitet, an. Immer wieder aber lässt er sich von seiner Pflicht einholen und geht zurück in den Kampf. Seine Frau versucht derweil, die Augen vor den Schießereien, sterbenden Menschen und fliegenden Molotowcocktails zu verschließen, indem sie sich in die Arbeit an einer Ausstellung stürzt. Während Marina sich im Museum isoliert, geht Justina jeden Tag zum Maidan, um die Revolution zu unterstützen. Das wiederum wird von der Museumswärterin Anna bespitzelt. Um Marina herum wird alles in Frage gestellt und als Ljoscha aus einem Einsatz nicht mehr zurückkommt, erwacht sie endgültig aus der Ohnmacht und hinterfragt ihren Mann, ihre Situation und diesen Krieg.

Tetjana Kyzenkos Stück, welches in Magdeburg beim Festival uraufgeführt wird, zeigt, wie der Krieg Verunsicherung und Angst hervorbringt und das Leben der Menschen verändert. Der Ausnahmezustand wird zum Alltag. Kyzenko beleuchtet alle Seiten des Ukraine-Konflikts, Terror, Krieg, Revolution und Gleichgültigkeit werden diskutiert.

Die junge Autorin arbeitet Dokumentationsmaterial in die Geschichte um den jungen Scharfschützen Ljoscha und die Museumsmitarbeiterinnen ein. Sie benutzt Transkripte von Gesprächen zwischen Scharfschützen, Werbung von Rüstungsunternehmen oder Interviews mit Soldaten und Mitarbeitern des Kunstmuseums der Ukraine.


Foto: picture alliance / dpa

Video

Vorstellungen
Aktuell sind keine weiteren Termine bekannt.

Regie Oleksandra Sentschuk
Ausstattung Henrike K. Fischer und Nadine Hampel
Dolmetscher Sebastian Anton
Dramaturgie Laura Busch
Regieassistenz Manuel Czerny

Ljoscha Timo Hastenpflug
Marina Marie Ulbricht
Justina Johanna Paliatsou
Anna Iljinitschna Michaela Winterstein
Onkel Maya/Mamaj Sebastian Reck
Serjoscha/Freischärler Raphael Kübler
Eine Leiche, Fernsehmoderatorin Ensemble

Oleksandra Sentschuk

Pressestimmen

»Die Frauen und der Scharfschütze«, die zweite Inszenierung des Eröffnungsabends, nennt sich ein Dokumentarisches Drama (von Tetjana Kyzenko). Das Theaterfoyer wird zur Kampfzone und die Lage immer verwirrender. Die Familie, die Gesellschaft ist zerrissen, so viel ist klar, und man spürt das Herannahen des Bürgerkrieges förmlich. Das ist bedrückend, weil es so echt ist, dokumentarisch eben, aber es erreicht seine Grenzen [...].

Matthias Schmidt, nachtkritik.de
20. 5. 2016

Die Inszenierung von Oleksandra Sentschuk kommt nahezu ohne Kulissen aus. Mit Mitteln der Pantomime werden Szenen in Räumen assoziiert, die nicht vorhanden sind. Teilweise simultan ablaufend, lassen übermächtige Filmsequenzen auf einer Leinwand neben der Museumswelt eine zweite Welt entstehen, die der Krieg, das Töten als Handwerk und Arbeit bestimmen. Die Frage, wer auf welcher Seite steht, stellt sich plötzlich nicht mehr. Der Pervertierung durch den Krieg wird in »Werbepausen« jene Scheinwelt gegenübergestellt, die den Menschen zum Verbraucher degradiert und in Konsumrausch und Wellness aufgeht. [...] Das Stück ist vielmehr ein expressionistischer Aufschrei auf der Bühne, der sich bei den Stilmitteln der modernen Medienwelt bedient. Was die Schauspieler auf der Bühne in diesem Szenen-Marathon leisten, ist hoch anzuerkennen, allen voran Raphael Kübler als mephistophelischer Serjoscha, Marie Ulbricht in der Rolle der etwas aus der Zeit gefallenen Marina und Timo Hastenpflug als zweifelnder und verzweifelter Ljoscha.

Christiane Baumann, Schattenblick, 20. 5. 2016

Es ist noch nicht so lange her, als die Menschen auf den Maidan strömten, um gegen das ukrainische
Regime zu demonstrieren. Hunderte von ihnen wurden getötet, zahlreiche andere verletzt. Die
ukrainische Autorin Kyzenko nutzte dokumentarisches Material, um daraus ihr mitreißendes und
verschreckendes Porträt einer zerrütteten Gesellschaft zu zeichnen. Wie verändert Krieg den Alltag der
Menschen, was macht es mit ihnen. Der eine verdrängt, der andere stürzt sich mitten hinein ins Gewühl.
Zentraler Handlungsort ist das Museum, dort verschanzen sich Marina (Marie Ulbricht), Justina (Johanna
Paliatsou), Anna Iljinitschna (Michaela Winterstein) und Serjoscha (Raphael Kübler). Anfangs scheint
die Welt noch perfekt - dann steigt immer wieder Rauch auf. Der Krieg rückt ihnen auf den Leib, ganz
besonders Marina, deren Mann Ljoscha Teil der ukrainischen Armee ist und als Scharfschütze auf den
Dächern zum Maidan sitzt und tötet.

Vanessa Weiss, DATEs online, 2. 6. 2016