Jacques Decour und Magdeburg

Jacques Decour war erst 20 Jahre alt, als er 1930 als französischer Austauschlehrer ans Domgymnasium kam. Dieses interkulturelle Austauschprogramm gab es damals erstaunlicherweise schon, trotz der Hetzkampagnen auf beiden Seiten der Grenze, die in Deutschland von den im Versailler Friedensvertrag festgelegten hohen Reparationszahlungen und Gebietsverlusten befeuert wurden, in Frankreich durch die hohen Verluste im Ersten Weltkrieg und die Militarisierung der Deutschen im Verlauf der 20er Jahre.

 

Ein Franzose, der die Deutschen liebt

Dennoch liebt Jacques Decour die Deutschen schon, bevor er sie kennenlernt. Sein Deutschland ist das Deutschland von Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche, die er beide sehr verehrt. Über alle jedoch stellt er Goethe. Geboren 1910 in Paris als Daniel Decourdemanche, ist ihm vonseiten seines Vaters eigentlich eine Laufbahn als Börsenmakler vorgezeichnet. Bereits während seiner Schulzeit verbringt er jedoch seine Zeit am liebsten im Kino oder mit der Lektüre von Gide, Larbaud und Proust. Mit 16 reißt Decour auf abenteuerliche Weise von zuhause aus. Dieses Abenteuer regt ihn später zu einer Erzählung an, die auf Vermittlung des Schriftstellers Jean Paulhan 1930 erscheint. Hier verwendet der Autor zum ersten Mal sein Pseudonym Jacques Decour.

Mit 18 Jahren heiratet Decour, bald darauf bricht er sein Jurastudium ab und beginnt sein Germanistikstudium, was im französischen Bürgertum angesichts der Feindschaft der beiden Länder nach dem Ersten Weltkrieg verpönt ist. Bereits mit 19 Jahren legt er die erste von später zahlreichen Übersetzungen aus dem Deutschen vor. Als Zwanzigjähriger tut er 1930 schließlich etwas, was den meisten seiner Landsleute damals nicht einfallen würde: Er begibt für einige Monate nach Deutschland, als Austauschlehrer nach Magdeburg ans Domgymnasium. Seine Beobachtungen und Erfahrungen hält er in einem Tagebuch fest, das in Paris 1932 als Erzählung unter dem Titel »Philisterburg« erscheint.

 

Das Tagebuch aus »Philisterburg«

Das Magdeburg, das Decour in »Philisterburg« beschreibt, ist ein Spiegel seiner Zeit: Ein kultureller Höhenflug in den 20er Jahren, der von bahnbrechenden städtebaulichen Maßnahmen unter Bruno Taut und Hermann Beims geprägt war und unter dem Namen »Magdeburger Moderne« firmiert, hat der Stadt ein neues Gesicht verliehen; ebenso wie eine unglaubliche Fülle von Kinos und großen Theatern, deren Zahl in den 30er Jahren noch wächst. Eine lebendige »preußische« Großstadt findet Decour hier vor, wenn er auch nicht im Detail an oft amüsanter und forscher Kritik spart: So ist ihm das Essen zu schlecht, die Menschen oft zu kunstfeindlich oder engstirnig und der Baustil der innerstädtischen Patrizierhäuser zu protzig. Mit großem Erstaunen stellt Decour überdies fest, dass kaum jemand die Werke von Goethe gelesen hat, die doch jedes bürgerliche Wohnzimmer zieren, und dass Heine bei der jungen Generation als Jude verhasst ist.

Zugleich ist er fasziniert von den so gegensätzlichen Facetten der Bildung am Domgymnasium, dem damals angesehensten Institut der Stadt, wo er die fortschrittlichsten Unterrichtsmethoden und Lehrer ebenso kennenlernt wie einen rückwärtsgewandten, autoritären Erziehungsstil. Im Idealismus des angesehenen, hochgebildeten Leiters des Gymnasiums, Dr. Bruns – der in Decours Aufzeichnungen Dr. Bär heißt – sieht er jedoch eine Gefahr: Wie so viele Zeitgenossen verkennt der Schulleiter die Gefährlichkeit der faschistischen Bewegung unter Hitler. Eine starke Faszination für dessen Ideologie findet Decour beispielsweise bei seinem Mitbewohner, einem jungen Kaufmann und Hitler-Anhänger, sowie bei den älteren Gymnasiasten. Die deutsche Jugend gibt ihm insgesamt Rätsel auf: Ihre Ernsthaftigkeit und ihr Idealismus faszinieren ihn, ihr völkischer Fanatismus und Antisemitismus stoßen ihn ab. Dennoch lehnt er die Vorurteile Frankreichs gegenüber den Deutschen ab, kritisiert die übergroßen Belastungen durch die Reparationsverpflichtungen des Versailler Vertrags für Deutschland als Hemmschuh für den Aufbau der deutschen Demokratie und hofft – leider zu früh – auf eine Annäherung beider Staaten, worin er die Voraussetzung für ein künftiges geeintes Europa sieht. Mit zunehmend sorgenvollen, oft beinahe essayistischen Reflexionen über die geistige und materielle Aufrüstung in Frankreich und Europa sowie Überlegungen über die Chancen auf ein vereintes Europa enden Decours Aufzeichnungen aus Magdeburg. Das Erstaunliche daran ist die Frische und Unvoreingenommenheit, mit der Decour die Stadt und ihre Bewohner*innen beschreibt. Er schilt sich selbst, wenn er zu abschätzig über Bauwerke und Gepflogenheiten der Bürger*innen urteilt und verpflichtet sich zwar nicht zu einer Objektivität, die es in seinen Augen nicht geben kann, aber zu einer strikten Unvoreingenommenheit, die schlimmstenfalls zugunsten von Magdeburg ausfallen soll. Im Gegensatz zu den Menschen, die er vor Ort trifft und die ihm eigentümlich fest in ihren politischen und persönlichen Urteilen erscheinen, stellt Decour seine Meinungen zur Disposition und hinterfragt sie während des Schreibens laufend selbst.

 

Veröffentlichung und Skandal

1932 veröffentlicht Decour seine Aufzeichnungen unter dem Titel »Philisterburg« in Paris. Der Titel, der auf die umgangssprachliche Bezeichnung von spießbürgerlichen, an geistigen Genüssen desinteressierten Menschen anspielt, aber auch auf die biblischen Feinde Israels, verschleiert nur schwach, dass Magdeburg gemeint ist. Mit der Veröffentlichung löst Decour einen Sturm der Entrüstung aus: In Frankreich wird er als Freund der Deutschen und damit Feind Frankreichs angegriffen. Die Sorbonne verweigert ihm zunächst sein Abschlusszeugnis.

In deutscher Übersetzung erscheint die Erzählung erst 2014.

 

Decour, der Nationalsozialismus und ein zu früher Tod

Decour bleibt auch nach seiner Rückkehr nach Frankreich ein hellwacher Beobachter des politischen Geschehens. Dass er den Nationalsozialismus unterschätzt hat und dieser keineswegs durch seinen Anspruch, zugleich national und sozialistisch zu sein, zerrissen wurde, musste Decour im Verlauf der 30er Jahre schmerzlich einsehen. Dennoch bleibt er der deutschen Literatur verpflichtet. Er arbeitet als Lehrer und Übersetzer, schließt sich 1936 der Kommunistischen Partei an und schreibt für die Parteiblätter Analysen, Kommentare und Übersetzungen. Als Chefredakteur der kommunistischen Zeitschrift »Commune« lässt er 1939 die deutschen Exilschriftsteller Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht in einer Ausgabe zum Deutschen Humanismus zu Wort kommen. Als 1940 die Deutschen Frankreich besetzen, tritt er der Résistance bei. Gemeinsam mit Louis Aragon und anderen linken Intellektuellen bereitet er das Erscheinen einer der wichtigsten Zeitschriften der Widerstandsbewegung, der »Lettres Françaises«, vor.

Im Februar 1942 wird Jacques Decour als Mitglied der Résistance von der kollaborierenden französischen Polizei verhaftet und Anfang März an die Deutschen überstellt. Aus dem Gefängnis schreibt er Abschiedsbriefe an die Eltern und an seine Tochter, in denen er ebenso abgeklärt und beinahe heiter sein Schicksal betrachtet, wie er aus Magdeburg berichtet hat. Im Abschiedsbrief an seine Schüler zitiert er Goethes von ihm geliebtes Drama »Egmont«:

»Schützt eure Güter! Und euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe.«


Elisabeth Gabriel

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:
Jacques_Decour_1937_(cropped).jpg

PHILISTERBURG — GLOSSAR

Philister

Der Ausdruck Philister bezeichnet seit dem 16./17. Jahrhundert abwertend jemanden, der Kunst (meist Avantgarde-Kunst) und damit zusammenhängende ästhetische oder geistige Werte nicht schätzt oder verachtet, dabei unkritisch vorgefertigte, oft als bürgerlich bzw. spießbürgerlich bezeichnete Vorstellungen übernimmt und anwendet.
Im Altertum wiederum waren die Philister ein Volk, das ab dem 12. Jh. vor Christus die Küste des historischen Palästina bewohnte. Die Philister wurden zu Feinden des israelitischen Volks, also der Juden, als sie ihre Gebiete ins Landesinnere auszudehnen begannen. Legendär ist die Geschichte vom Kampf Davids gegen den riesigen Krieger der Philister Goliat.

 

Magdeburg 1930

1930 hatte Magdeburg 307.935 Einwohner*innen. Anfang der 20er Jahre hatte der Architekt Bruno Taut durch seine stadtplanerische Tätigkeit die Stadt geprägt (s.u.). Oberbürgermeister Hermann Beims (SPD), der von 1919, also kurz nach Ausrufung der Republik, bis 1931 12 Jahre lang Magdeburgs Geschicke lenkte, hatte ihn ebenso nach Magdeburg geholt wie dessen Nachfolger Johannes Göderitz, der u.a. die Stadthalle für die Deutsche Theaterausstellung 1927 in Rekordzeit baute. Beims trieb den sozialen Wohnungsbau voran und schaffte gemeinsam mit seinen Stadtbaumeistern bis 1930 wegweisende moderne Wohnsiedlungen in den Vorstädten. Darüber hinaus waren zahlreiche neue Straßenbahnlinien in den 20er Jahren eröffnet sowie die Infrastruktur in den Häfen verbessert und das Schulwesen modernisiert worden. Die Wirtschaft der Stadt wurde nach wie vor vom Stahl- und Schwermaschinenbau, aber auch von zukunftsweisenden technischen Ideen geprägt. Die Welt der Magdeburger Industrie blieb Jacques Decour jedoch fremd; er bewegte sich durch seine Arbeit und seine Wohnorte praktisch nur im bürgerlichen Zentrum der Stadt, weshalb die industriellen Errungenschaften der Stadt wie auch deren Schattenseiten, beispielsweise die Armut und die Wohnverhältnisse vieler Arbeiter*innen, nicht Thema seiner Aufzeichnungen wurden. Nur in der Beschreibung des »Knattergebirges« klingt eine Beschäftigung mit der Wohnungsnot der Krisenjahre 1929/30 an.

 

Die bunten Häuser des Breiten Wegs

Seinen Charakter als einheitliche Barockstraße verlor der Breite Weg bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Zahlreiche Häuser wurden aufgestockt und verloren so ihre ursprünglichen Proportionen; Stuckelemente wurden abgeschlagen und nicht ersetzt. Um 1900 entwickelte sich die Straße zur großen Einkaufsmeile; Warenhäuser wie Steigerwald & Kaiser, Kaufhaus Barasch/Lemke oder C&A entstanden. Als der damalige Baustadtrat Bruno Taut die Stadt des Neuen Bauens begründete, bekamen ab 1921 etwa 80 Häuser der Straße einen »schönen, bunten Anstrich«. Dieser wurde jedoch nicht überall günstig aufgenommen. So schrieb der russische Journalist Ilja Ehrenburg über den Breiten Weg:
»Häuserfassaden mit lila Raserei, Häuser, die mit Flecken versetzt sind, mit Krokodilaussatz, mit Zebrablödsinn, schlechthin mit Abscheulichkeiten.«

 

Rund um den Alten Markt

Der von Decour erwähnte Brunnen stand damals in Höhe des heutigen Hotels zur Ratswaage, also nördlich vom Alten Markt. Der Immermannbrunnen, an dem man auf dem Audiowalk in der Danzstraße vorbeikommt, wurde zu Ehren des Dichters und späteren Theaterdirektors Carl Leberecht Immermann erbaut, der 1796 in Magdeburg geboren wurde. Ihm hat das damals stark militarisierte Magdeburg eines der grimmigsten Urteile bezüglich seiner Kunstfeindlichkeit zu verdanken. »Wenn man die Dichtung glücklich ausrotten wollte«, schrieb er 1826 verbittert in einem Brief an Varnhagen van Ense in Berlin, »so müsste man die Dichter nach Magdeburg senden; wir haben hier nur Kanonen, Beamte und Krämer, und die Phantasie fehlt in der Seelenliste gänzlich.«
Viele der Häuser in der Innenstadt hatten als Eigentümer Banken und Versicherungen. 1930 allerdings waren es in erster Linie Kaufleute, Privatleute, Erbengemeinschaften und z.T. die Stadt. Bei der von Decour erwähnte teuren Apotheke handelte es sich um die »Löwen-Apotheke«, eine der ältesten Apotheken Magdeburgs. Sie befand sich damals am Alten Markt 22 (in Höhe der heutigen Stadtsparkasse) und gehörte 1931 einem gewissen Herrn P. Bütow. Im Krieg wurde das Gebäude zerstört. Diese sogenannten Patrizierhäuser waren sehr repräsentative, bildhauerisch aufwendig gestaltete Häuser der reichen Bürgerschaft, die ihren Reichtum vor allem als Kaufleute erworben hatte. Sie befanden sich am Alten Markt und teilweise auch am Breiten Weg.

 

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Magdeburg

1931 gab es 26000 Arbeitslose in Magdeburg, was den neu angetretenen Bürgermeister Ernst Reuter vor große Probleme stellte. Ein Drittel aller Ausgaben des Stadthaushaltes musste aufgrund der rasant steigenden Arbeitslosigkeit für Unterstützungsempfänger*innen verwendet werden. Dazu zeigten sich auch in Magdeburg in den Jahren der Weltwirtschaftskrise starke Kräfte einer politischen Desintegration. 1931 rief Reuter die Winternothilfe ins Leben. Diese bemühte sich intensiv, die Notlage zehntausender Magdeburger*innen zu lindern, z.B. durch öffentliche Versorgung mit Lebensmitteln, durch Kleider- und Wäschespenden oder die Versorgung mit Heizmaterialien. Zuvor war es in Folge von fehlender Versorgung und Inflation auch in Magdeburg zu »Lebensmittelkrawallen« gekommen, also Plünderungen von Lebensmittelgeschäften oder Marktständen über mehrere Tage hinweg.

 

Dr. Bär

Hinter dem Pseudonym Dr. Bär versteckt sich Dr. Bruns, der damalige Leiter nicht nur des Domgymnasiums, sondern auch des Pädagogiums Unser Lieben Frauen, das ebenfalls ein Gymnasium für Jungen war. Dr. Bruns, geboren 1869, war ein sehr vielseitig gebildeter Pädagoge, er hatte in Göttingen die Lehrbefähigung in Latein, Griechisch, Hebräisch und Religion erlangt. Nach einer Zeit als Hauslehrer für einen Patriziersohn, sowie in weiterer Folge als Hilfslehrer, Lehrer und Direktor, wurde er schließlich Rektor in Schulpforta. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier in der Sommeschlacht und bekam dafür das Eiserne Kreuz I. Klasse. 1922 übernahm er das Domgymnasium, 1926 wurde er Propst des Pädagogiums Unser Lieben Frauen und damit der erste weltliche Propst in Preußen. Dr. Bruns war aber ohnehin ein sehr religiöser Mensch (evangelisch) und trat nach seiner Pensionierung 1932 u.a. als Prediger auf.

 

Die Hegelstraße

Im Zuge der südlichen Stadterweiterung begannen ab 1877 Planungen für die heutige Hegelstraße/ damalige Augustastraße. Benannt wurde diese schon zu deren Lebzeiten nach Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811-1890). Diese war ab 1829 verheiratet mit dem späteren Kaiser Wilhelm I. (1797-1888). Die 750 Meter lange und 34-36 Meter breite Straße wurde als prachtvolle reine Wohnhausallee mit hohem Wohnkomfort und Vorgärten geplant. Geregelt wurde die Anlage der Vorgärten unter anderem durch eine Polizeiverordnung: Die Einfriedung musste 1,50 Meter hoch sein und die Vorgärten gärtnerisch gestaltet werden. In der Augustastraße wohnten sehr bedeutende Magdeburger Anwälte, Ärzte, Fabrikbesitzer sowie hohe Militärs - es gab aber auch Häuser mit Seiten- und Hinterhäusern für weniger wohlhabende Milieus.

 

Das Palais am Fürstenwall und Hindenburg

Erbaut wurde das Gebäude 1889 bis 1893 als Dienstgebäude für die preußische Generalkommandantur des IV. Armeekorps und als Gästehaus für die kaiserliche Familie. Es ist im Stil deritalienischen Palazzi gestaltet und demMagdeburger Architekten Paul Ochs zuzuschreiben. Die Baukosten betrugen damals 644.000 Goldmark (zum Vergleich: 1 Goldmark entspricht etwa 9,86 €).
1903 bis 1911 war Generalleutnant Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (so sein vollständiger Name) Kommandierender General des hier stationierten IV. Armeekorps. Jahre später, 1925, wurde Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt. 1933 berief er Hitler zum Reichskanzler. Er starb 1934.
Hindenburg hatte eine tiefe Bindung zu Magdeburg; so schrieb er 1920 in seinen Memoiren:
»Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren Breiter Weg und deren ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. [...] Was der nächsten Umgebung Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weit ausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewusst. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also, dass man sich dort auch außerdienstlich wohlfühlen kann…«
Das Palais am Fürstenwall ist seit Dezember 2005 Amtssitz der Landesregierung und Staatskanzlei.

 

Das Domgymnasium

Das Domgymnasium hat eine lange und wechselvolle Geschichte, die bis ins frühe Mittelalter zurückreicht. Sogar Martin Luther war Schüler der Domschule Magdeburg, einer Vorgängereinrichtung des Domgymnasiums.
Entstanden ist es im Grunde bereits mit dem von Otto I. 937 gegründeten Moritzkloster, dem eine Klosterschule angegliedert war, die 968 in eine Domschule umgewandelt wurde. Währende der Reformation gab es eine vorübergehende Schließung, später eine Wiedereröffnung als evangelische Domschule.
Am 17. Oktober bezog das Domgymnasium erstmals das neu errichtete Schulgebäude in der damaligen Augustastraße 5, wo die heute ökumenische Lehranstalt immer noch ihren Standort hat. 1901 wurde das Domgymnasium ein Reformgymnasium mit Französisch als erster Fremdsprache und Latein als zweiter. Nach Ende des Ersten Weltkriegs bzw. der Monarchie wurde 1919 der Name erneut geändert in »Staatliches Domgymnasium zu Magdeburg«. 1928 wurden das Staatliche Domgymnasium Magdeburg und das Pädagogium zum Kloster Unser Lieben Frauen zusammengelegt und hießen fortan »Vereinigtes Dom- und Klostergymnasium Magdeburg«. Direktor beider Gymnasien zu der Zeit war Wilhelm Bruns.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gymnasium in »Humboldtschule «umbenannt, zog zweimal um und war eine der neun Schulen der DDR mit altsprachlichem Griechisch-Unterricht. 2008 wurde das Humboldt-Gymnasium, wie es nach 1989 hieß, geschlossen.
Das Domgymnasium wurde 1991 als Ökumenisches Gymnasium von einer Elterninitiative privat neu gegründet und 1993 in »Ökumenisches Domgymnasium« umbenannt. 2000 konnte es in das ursprüngliche Gebäude in der Hegelstraße zurückziehen.

 

Erstes Wohnhaus von Jacques Decour in Magdeburg

Das erste Wohnhaus von Jacques Decour befand sich in der Bismarckstraße 37 (der heutigen Leibnizstraße). Dort wohnte er in der »Pension Martha Plättner«, die in seinen Aufzeichnungen passenderweise Frau Bügler heißt. Frau Plättner hat nicht nur vemietet, sondern auch einen Mittagstisch angeboten. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, es stand an der Ecke Bismarckstraße und Blumenthalstraße (heutige Einsteinstraße), heute ist dies ein Teil des Kinderspielplatzes. In dem noch erhaltenen Wohnhaus gegenüber befindet sich heute ein Lampengeschäft.

 

Breiter Weg

1930 fanden sich – laut Adressbuch von 1931 – folgende Geschäfte auf dem südlichen Abschnitt des Breiten Weges:
Nr. 231: »Konditorei zum Felsenkeller« (heute Bingöl Döner), die Methodistengemeinde, ein Frisör, ein Schuhhaus; Nr. 229: ein Fleischer; Nr. 228: ein Optiker, ein Zeitschriftenvertrieb, ein weiterer Fleischer; Nr. 227: eine Farbenhandlung, eine Papiergroßhandlung; Nr. 226: Südfrüchte, ein Delikatessengeschäft, eine Butterhandlung, eine Gaststätte (heute Xampayeria); Nr. 222: eine Fischhandlung sowie eine Butterhandlung, Nr. 221: eine Kaffeerösterei. 
Im nördlichen Verlauf der Straße befanden sich tatsächlich zwei Radiogeschäfte, nämlich zwischen Leiterstraße und Himmelreichstraße.

 

Kinos, Theater, Cafés 1930

1930 befanden sich in Magdeburg knapp 20 Lichtspielhäuser und zahlreiche Theater. Zum Beispiel der Deuling-Palast: Nach zwei Jahren Bauzeit eröffnete er 1923 mit Platz für 1.100 Zuschauende auf dem Alten Markt. Es war mit eines der Gebäude, das nur für den Zweck von Filmvorführungen errichtet wurde. Die meisten anderen Kinos zu dieser Zeit schlugen ihr Quartier in ehemaligen Ladengeschäften oder anderen Zweckbauten auf, die für Kinobesucher*innen umgebaut wurden. In der Nr. 141 des Breiten Weges (etwa auf Höhe des heutigen Karstadt) befanden sich die Kammerlichtspiele, damals eines der modernsten Kinos im mitteldeutschen Raum, das nach einer Modernisierung u.a. über eine Kinoorgel und 1346 Sitzplätze verfügte. Es wurde 1939 von Heinz Rühmann bei einem Besuch lobend erwähnt. Übrig geblieben ist aus dieser Zeit beispielsweise das Oli-Kino im heutigen Stadtfeld Ost, das weiterhin als Veranstaltungs- und Vorführungsort dient.
Auch mit Theatern war Magdeburg reich bestückt: Zusätzlich zum Zentraltheater (das heutige Opernhaus) befanden sich in der Stadt u.a. noch das große Stadttheater am Bahnhof (1200 Plätze) und das Wilhelmtheater (östlich vom heutigen Alleecenter) mit 1100 Plätzen.

 

Das Knattergebirge

Das im Volksmund sogenannte »Knattergebirge« erstreckte sich östlich der Johanniskirche bis zum Elbufer hinunter und reichte etwa vom heutigen Allee Center im Süden bis zur Festung Mark im Norden. Beim explosionsartigen Anstieg der Bevölkerung Magdeburgs ab den 1860er Jahren wurde der Wohnraum in der Stadt knapp. Besonders im Knattergebirge hatte dies Auswirkungen. Viele der alten Gebäude wurden einfach um mehrere Etagen aufgestockt, jeder freie Quadratmeter wurde bebaut. Gärten und Hofbereiche fielen dem Baudrang zum Opfer, sogar Kellerräume, die bis dahin als Lager verwendet wurden, dienten als Wohnraum. Da es trotz dieser wilden Bebauung noch zu wenig Wohnungen gab, wurden die Betten sogar an »Schlafgänger« weitervermietet.
Obwohl das Stadtgebiet offiziell als Fischerufer bezeichnet wurde, setzte sich der Name »Knattergebirge« durch. Seinen Namen bekam es durch das Geräusch der Fuhrwerke auf den holprigen Straßen, das in den engen Höfen und Gassen zu einem ohrenbetäubenden Lärm wurde. Eine andere Erklärung könnte die mundartliche Redewendung »Der hat einen im Knatter« sein, die besagte, dass man einen über den Durst getrunken hatte. Mit »Gebirge« war die zur Elbe abfallende Gegend gemeint, was auch die vielen »Berg«-Straßen im Knattergebirge ausdrückten: Faßlochsberg, Magdalenenberg, Wallonerberg oder Petersberg.
Am 16. Januar 1945 wurde das Knattergebirge innerhalb von 19 Minuten zerstört. Viele der Straßen, die einst das Viertel durchzogen, wurden nicht mehr aufgebaut. So gehören der Holzhof, der Faßlochsberg, das Alte Fischerufer, Knochenhauerufer, der Krumme Berg, die Storchstraße, Waagestraße und Spiegelsbrücke der Vergangenheit an.

 

Das Kriegerdenkmal im Fürstenwallpark

1877 vom Architekten Hermann Eggert entworfen und vom Bildhauer Emil Hundrieser errichtet, greift das Denkmal für die Gefallenen des Deutschen Krieges von 1866 (Preußen gegen Österreich) und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 antike und christliche Bezüge auf: So krönt eine Kaiserkrone mit Reichsapfel die Spitze des Denkmals, auf der sieben Kreuze zu sehen sind. Das Denkmal ist den Gefallenen der Magdeburger Regimente der beiden Kriege gewidmet. Die beiden Kriege festigten Preußens Vorherrschaft unter den deutschen Ländern und führten 1871 zur Gründung des Zweiten Kaiserreichs in Versailles. Da Magdeburg mit seinen starken Befestigungsanlagen und zahlreichen hier stationierten Truppen ein wichtiger Militärstützpunkt war, waren diese Kriege von besonderer Bedeutung für die Stadt.
Die Bronzereliefs am Fuße des Denkmals, auf denen u.a. Kaiser Wilhelm I. und Bismarck zu sehen sind, zeigen den Abschied eines Soldaten von seiner Familie, eine Episode aus der Schlacht bei Königgrätz, die Gefangennahme Napoleons sowie die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser. Darüber prangen in Medaillons Porträts von Wilhelm I., Bismarck und Moltke, sowie der preußische Adler und das Magdeburger Wappen. Das Denkmal steht auf einer künstlichen Anhöhe, drei Wege, davon eine breite Freitreppe, führen dorthin.

 

Hitlers Sturmabteilung

Die Sturmabteilung war eine paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, gegründet als Turn- und Sportabteilung im November 1920, am 5. Oktober 1921 umbenannt in Sturmabteilung (SA). Aus dem organisierten Saalschutz entwickelte sich die SA zur bewaffneten, mit braunen Hemden uniformierten, zunehmend radikaleren Massenorganisation mit bis zu 4,5 Mio. Mitgliedern (1934), die brutal gegen Gegner*innen der NSDAP vorging und eine äußerst aggressive Propaganda betrieb. Sie unterstand seit 1930 Adolf Hitler persönlich; SA-Stabschef war seit 1931 Ernst Röhm (1887-1934). In der Machtprobe mit der Parteiführung um die Frage nach der geeigneten Strategie zur Machtübernahme bis 1933 konnte sich die SA mit ihrem revolutionären Kurs nicht durchsetzen. Dennoch wurde die SA zum wichtigsten Terrorinstrument der Machtergreifung von 1933 und errichtete noch im selben Jahr die ersten Konzentrationslager. Nach der Ermordung ihrer Führungsspitze im so genannten Röhm-Putsch im Juni/Juli 1934 verlor die Organisation stark an Bedeutung, blieb aber bis Kriegsende 1945 als Wehrsportorganisation und Veteranenverband bestehen.

 

Die Stadthalle

Die Stadthalle Magdeburg, im Rotehornpark auf der Elbinsel Werder im Zentrum Magdeburgs gelegen, wurde in den Jahren 1926/1927 nach Plänen der Architekten Johannes Göderitz – dem damaligen Stadtbaumeister – und Wilhelm Deffke erbaut. Der Baustil der Halle wird dem »Neuen Bauen« zugeordnet. Anlass der Erbauung war die in Magdeburg stattfindende Deutsche Theaterausstellung 1927. Während der Vorbereitung des Theaterfestivals formulierte Magdeburgs Bürgermeister Hermann Beims die Idee für einen »würdevollen Monumentalbau«, der die Stadt als bedeutenden Kongress- und Kulturstandort Mitteldeutschlands etablieren sollte. Die Grundsteinlegung erfolgte am 5. Januar 1927 und bereits am 29. Mai 1927 fand die Einweihungsfeier statt. Diese kurze Bauzeit stellte eine bautechnisch herausragende Leistung dar und konnte nur durch parallel organisierte Bauarbeiten, vormontierte Bauteile und nächtlichem Beheizen zur Trocknung realisiert werden.

 

Die Presse in der Weimarer Republik

Die Tagespresse in den Krisenjahren der Weimarer Republik nach 1929 war ein eigenständiger Akteur im System der Politik. Im stark fraktionierten Ensemble der großstädtischen Zeitungen fand die innere Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft nicht nur ihren Ausdruck; diese Zerrissenheit wurde von den Zeitungen vielmehr beständig neu inszeniert und intensiviert. Gerade in dieser schweren sozialen und politischen Krise haben Zeitungen und Journalist*innen offenbar entscheidend zur Vergiftung des politischen Klimas in Deutschland beigetragen, weil sie nicht neutrale Berichterstattung, sondern die weltanschauliche Führung der Leser*innen als ihre Hauptaufgabe verstanden. Nachrichtenmanipulationen galten nicht als Verstoß gegen den Auftrag der Presse. Hinzu kam eine wachsende Unduldsamkeit der Zeitungsleser*innen gegen alle Informationen, die ihr geschlossenes Weltbild störten. Staatliche Versuche, die politische Hetze in Tageszeitungen einzudämmen, erwiesen sich als weitgehend wirkungslos.

 

Café Dom

Zum Café Dom konnte im Adressbuch von 1930 folgender Eintrag ermittelt werden:
Kaffee Dom (Johannes Scharioth): Spezial-Geschäft für Zeitungen und Adressbücher, Schachverkehr, Oranienstraße 11. Heute befindet sich genau an dieser Stelle das Café Danz 11.

 

Das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«

Das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«, kurz »Reichsbanner«, war während der Weimarer Republik ein politischer Wehrverband zum Schutz der demokratischen Republik, der in veränderter Form bis heute besteht. Anfang der 1930er-Jahre war das »Reichsbanner« mit nach eigenen Angaben ca. 3 Millionen Mitgliedern die größte demokratische Massenorganisation in der Weimarer Republik. Der Verband wurde am 22. Februar 1924 in Magdeburg als »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer« durch eine Initiative aus den drei Parteien der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) gegründet. Das »Reichsbanner« sollte dem Schutz der Weimarer Republik gegen ihre radikalen Feinde dienen. Der damalige und heutige Bundesgruß des »Reichsbanners« lautet »Frei Heil!« oder »Freiheit!«. Der Bund gab die Wochenzeitung »Illustrierte Reichsbanner-Zeitung« (später »Illustrierte Republikanische Zeitung«) heraus.

 

Der »Stahlhelm«

Der »Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten« war ein Wehrverband zur Zeit der Weimarer Republik, der kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges am 25. Dezember 1918 von dem Reserveoffizier Franz Seldte in Magdeburg gegründet wurde. Seldte war zusammen mit Theodor Duesterberg Vorsitzender der Vereinigung. Sie galt als der demokratiefeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe, so stellte der Stahlhelm bei Parteiversammlungen vielfach den (bewaffneten) Saalschutz.
Das Anliegen der Gruppe brachte der Magdeburger Hersteller von ätherischen Ölen und Kaufmann Frank Seldte bei einem Vortreffen 1918 auf die Formel, »diese Schweinerei von Revolution nicht weiter so hingehen zu lassen«. Bereits im Sommer 1919 wurden in ganz Deutschland Ortsgruppen gegründet. 1920 fand in Magdeburg der erste »Reichsfrontsoldatentag« statt, bei dem Frank Seldte zum ersten Bundesführer des »Stahlhelm« gewählt wurde. 1933 ging der »Stahlhelm« in die NSDAP ein.

 

Die St. Nikolai-Kirche

Die St.-Nikolai-Kirche wurde im 11. Jahrhundert als Stiftskirche auf dem Gelände des heutigen Doms errichtet. Eine Vorgängerkirche wird beim Kloster Unser Lieben Frauen vermutet. Bereits ab 1306 wurde sie an dem Standort am Breiten Weg neu errichtet. Während der Reformation wurde St. Nikolai evangelisch. Nach dem 30jährigen Krieg verfügte sie über keine eigene Gemeinde mehr, sondern wurde nur mehr für geistliche Gesänge genutzt. Während der französischen Besatzung unter Napoleon diente die Kirche als Lazarett und Kaserne, 1824 wurde sie schließlich endgültig säkularisiert und zum Zeughaus umgebaut. Später diente das Gebäude als Zeughausmuseum und schließlich als Möbellager. Die Nationalsozialisten verwandelten die Kirche 1938 in eine Weihestätte für ihre Bewegung und als Museum für den »Stahlhelm«-Wehrverband. Beim Luftangriff auf Magdeburg am 16. 1. 1945 wurde auch die St.-Nikolai-Kirche zerstört. Heute steht auf ihrem Gelände die grüne Zitadelle von Hundertwasser.

 

»Im Westen nichts Neues«

»Im Westen nichts Neues« ist ein 1928 verfasster Roman von Erich Maria Remarque, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten schildert. Bei den Nationalsozialisten hatte sich Remarque mit seinem Roman Feinde gemacht. Als Teil ihrer Rufmordkampagne gegen den missliebigen Autor bezweifelten sie dessen Authentizität und verbreiteten das Gerücht, er habe überhaupt nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Während der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen 1933 wurden auch zahlreiche Exemplare von »Im Westen nichts Neues« vernichtet. Obwohl Remarque selbst das Buch als unpolitisch bezeichnete, ist es als Antikriegsroman zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden.

 

Das Pädagogium des Klosters Unser Lieben Frauen

Das »Kloster Unser Lieben Frauen« ist eine Klosteranlage in der Magdeburger Altstadt und zählt zu den bedeutendsten romanischen Anlagen in Deutschland. Die erste geistliche Gemeinschaft wurde um 1015 bis 1018 durch den Magdeburger Erzbischof Gero als Kollegiatstift (Marienstift) gegründet.
1698 wurde hier eine Klosterschule eingerichtet, die 1718 den Namen »Pädagogium zum Kloster Unserer Lieber Frauen« erhielt. Bis 1834 erfolgte die Säkularisation des Klosters, das Pädagogium wurde zur staatlichen Schule. 1928 wurden das Staatliche Domgymnasium Magdeburg und das Pädagogium zum Kloster Unser Lieben Frauen zusammengelegt. Sie hießen fortan »Vereinigtes Dom- und Klostergymnasium Magdeburg«. Direktor beider Gymnasien zu dieser Zeit war Dr. Wilhelm Bruns, der in Jacques Decours Aufzeichnungen Dr. Bär genannt wird.

 

Das Haus des »Reichsbanners«/ Später »Braunes Haus« der Gestapo

Das Haus an der Regierungsstraße Nr. 1 (an der Ecke zum Gouvernementsberg, damals Klosterkirchhof) war bis 1933 der Sitz des Bundesvorstands des zur Verteidigung der Demokratie gegründeten Wehrverbands »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ging das Haus in das Eigentum des Deutschen Reiches über und wurde 1934 die Magdeburger Dienststelle der Gestapo, in der Bevölkerung »Braunes Haus« genannt. Dort wurden Gegner des nationalsozialistischen Regimes gefoltert. Das Haus wurde 1945 zerstört, heute befindet sich eine Gedenktafel an seiner Stelle.

 

Die Magdeburger Moderne, Hermann Beims und Bruno Taut

1919 wurde die Kunstschule Staatliches Bauhaus in Weimar gegründet, 1925 zog sie nach Dessau. Hier entfaltete das Bauhaus besonders unter Walter Gropius seine avantgardistische Kraft. Richtungsweisende Gebäude entstanden, die heute zum UNESCO-Welterbe zählen. Ein »Frühlicht« der Moderne ging von Magdeburg aus. Der Magdeburger Oberbürgermeister Hermann Beims (1919 – 1931) gilt als Wegbereiter einer Entwicklung, in der sich Magdeburg als soziale, moderne Stadt früher und konsequenter als jede andere deutsche Großstadt neu aufstellte. Zusammen mit Stadtbaurat Bruno Taut, Carl Krayl und Tauts Nachfolger Johannes Göderitz schuf er das, was wir heute als »Magdeburger Moderne« bezeichnen. Viele Bauten dieser Zeit sind erhalten und bilden ein bedeutendes bauliches Erbe der Moderne – allen voran das Stadthallen-Areal auf der Rothehorninsel und die Hermann-Beims-Siedlung – die bedeutendste der zahlreichen Magdeburger Arbeiter*innensiedlungen.