Julie

Philippe Boesmans | Kammeroper in einem Akt | Libretto von Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger nach »Fräulein Julie« von August Strindberg

»Mir schwindelt, ich muss hinunter.
Ich kann nicht fallen. Ich muss hinunter.«

Julie

Julie, Tochter aus wohlhabendem Hause und frisch entlobt, testet in der Mittsommernacht die gesellschaftlichen und sexuellen Grenzen aus: Sie tanzt mit dem Gesinde und verführt den Diener Jean, mit dem sich die Köchin Kristin verlobt glaubt. Nach der heftig und rasch sich entladenden Lust kommen die Probleme des »Morgens danach«: Julie verstrickt sich heillos im Netz ihrer herrischen, aber auch ganz banalen Ansprüche zwischen dem trägen Zynismus Jeans und dem zähen Realismus der Köchin. Ihr Ausbruchsversuch endet im Selbstmord – Jean selbst reicht ihr sein Rasiermesser ...

Die Kammeroper des Belgiers Philippe Boesmans von 2005 kann bereits auf eine erstaunliche Rezeptionsgeschichte zurückblicken. Zuletzt erlebte »Julie« 2015 in Toronto ihre umjubelte kanadische Erstaufführung mit Magdeburgs Mezzosopranistin Lucia Cervoni in der Titelpartie. Tatsächlich zeichnet sich das Werk durch dramaturgische Stringenz und eine luzide Musik aus, die von reifer Meisterschaft und bestechender Ökonomie der Mittel gekennzeichnet ist. Eine packende Opernfassung des Schauspielklassikers!

Vorstellungen
Aktuell sind keine weiteren Termine bekannt.

Musikalische Leitung Jovan Mitic
Regie Sebastian Gruner
Bühne Tal Shacham
Kostüme Susann Stobernack
Dramaturgie Ulrike Schröder

Julie Lucia Cervoni
Kristin Julie Martin du Theil
Jean Thomas Florio

Magdeburgische Philharmonie

Video

Pressestimmen

Lucia Cervoni lässt ihren Mezzosopran außerordentlich variabel klingen, frauliche Wärme und die vokalen Exaltationen ihres zerrissenen Gemütszustandes wechseln abrupt. Man folgt ihr höchst gespannt. Thomas Florio hatte die schwierige Aufgabe zu bewältigen, bei der gleichen hohen stimmlichen und physisch-spielerischen Präsenz eine Null-Type, ein biegsames Subjekt, gleichsam ein arroganter Wurm zu sein. Es gelang ihm perfekt. Julie Martin du Theil war als mädchenhafte Kristin die plötzlich aufgestörte Unschuld in Person. Himmelhohe Koloraturen signalisieren den Einbruch des Bösen in ihr frommes Gemüt. Dreimal hinreißend gelöste, schwierige Aufgaben vor einem hautnah sitzenden Publikum. Jovan Mitic und die Magdeburger Philharmonie saßen gut geschützt mit den Vögeln in der Voliere. Es wurde präzis, fast kristallen musiziert, mit kleinen Vergnügungen an feinen wohllautenden Soli.

Irene Constantin, Volksstimme,
7. 11. 2016

 

 

Die Mezzosopranistin Lucia Cervoni, die 2015 schon in der kanadischen Erstaufführung als Julie bejubelt wurde, ist eine attraktive, spielerisch fordernde Julie, die es mit ihrem Auftreten versteht, die Enttäuschung über Jean glaubhaft zu vermitteln. Julie Martin du Theil macht mit präzisen Höhen aus der melodiösen Sopranpartie eine bodenständige Kristin. Thomas Florio ist ein Jean, der erst zögerlich die Avancen Julies abwehrt, dann aber seine Chance wittert, zugreift und ebenso pragmatisch wieder zur Tagesordnung übergeht, als die Sache schief geht.
Gesungen und gespielt wird von den drei Protagonisten ebenso fabelhaft wie vom Orchester. Dabei schmiegt sich Boesmans bühnenaffine Tonsprache nicht nur an das gesprochene Wort zu einem dringlichen Parlando; dazwischen atmosphärische Zuspitzungen und pointiert eskalierende Crescendi. Mit einer spektakulär ausbrechenden Gewittermusik an der passenden Stelle. Vor allem musikalisch überzeugt diese Kammeroper durchweg.

Joachim Lange, nmz, 8. 11. 2016