13. Dezember 2018

»Schneit es noch immer?« Samuel Barbers »Vanessa« – Opernrarität am Theater Magdeburg

Premiere am Sa. 19. 1. 2019, Opernhaus/Bühne
Samuel Barbers »Vanessa« gilt als Klassiker der vergleichsweise jungen amerikanischen Operngeschichte. In der Regie von Generalintendantin Karen Stone feiert das Familiendrama am Sa. 19. 1. 2019, 19.30 Uhr im Opernhaus Premiere.

Die Atmosphäre der »Seven Gothic Tales« von Tania Blixen inspirierte Gian Carlo Menotti zu seinem Libretto für Samuel Barbers erste Oper »Vanessa«. Das Werk, 1958 bzw. 1964 in zwei verschiedenen Fassungen an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt, ist ein Klassiker der noch jungen amerikanischen Operngeschichte. Nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen, ebenfalls 1958, ist »Vanessa« auf europäischen Bühnen trotz der expressiven Tonsprache Barbers und der stilistischen Vielfalt ein seltener Gast geblieben. Die Partitur entfaltet – spätromantischen Vorbildern verpflichtet –alle Facetten musikdramatischen Komponierens: Hochromantische Arien, ein gefühlvolles Liebesduett, Volkslieder und Tänze verbinden sich darin mit einem meisterhaft ausdifferenzierten Orchesterpart. Das Libretto Menottis knüpft an das psychologisierende Kammerspiel Strindbergscher und Ibsenscher Prägung an. Das Theater Magdeburg bringt die Oper nun in der  dreiaktigen Fassung von 1964 heraus.
Hoch oben im kalten Norden wartet Vanessa seit mehr als 20 Jahren zurückgezogen auf die Rückkehr ihres Geliebten Anatol. Alle Spiegel und Gemälde sind verhüllt: Für Vanessa, ihre Mutter – die alte Baronin – und ihre Nichte Erika erscheint die Zeit wie eingefroren. Da kündigt sich endlich die Ankunft des lang Erwarteten an. Doch Vanessa muss erkennen, dass es sich um Anatols Sohn gleichen Namens handelt. Sie und Erika verstricken sich in Gefühlen für den jungen Mann. Nachdem die von Anatol schwangere Erika ihr Kind verloren hat, zieht sie sich zurück: Sie bittet ihn, Vanessa glücklich zu machen. Als ihre Tante und Anatol abgereist sind, lässt Erika Spiegel und Gemälde wieder verhüllen. 
Generalintendantin Karen Stone legt in ihrer Regie den Fokus auf die Disfunktionalität der familiären Beziehungen. Es ist das Verdrängte, das Ungesagte, das wie ein dunkler Schatten über dieser Familie liegt, um das Karen Stone ihre Inszenierung aufbaut. Der omnipräsente Mittelpunkt bleibt ein Geheimnis, das wie ein schleichendes Gift die emotionalen Bindungen zerstört. Die Kälte in den Familienverhältnissen wird dabei auch durch das Bühnenbild von Ulrich Schulz aufgegriffen. Der an eine Schneekugel erinnernde Bühnenraum vermittelt dem Zuschauer den Eindruck einer hermetischen, erstarrten Welt. Mit Ankunft des jungen Anatol bricht diese Welt für kurze Zeit auf. 
Am Ende der Oper schließt sich dann der Kreis. Erika übernimmt die vormalige Rolle der Tante: »Nun ist es an mir, zu warten!«, sind ihre letzten Worte und gleichzeitig die letzten Worte der Oper.