Der Wij

von Natalia Vorozhbyt

Deutschsprachige Erstaufführung
Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel

»Du denkst wahrscheinlich: Was ist das bloß für ein Volk … zanken sich, lügen, trinken, hexen. Ich schäme mich ja selber. Aber wir haben’s halt auch nicht leicht.«

 

Lucas und Damian, zwei französische Studenten, sind auf dem Weg zu Damians Facebook-Freundin Oxana, die sie zu ihrer Hochzeit in die tiefe ukrainische Provinz eingeladen hat. Die beiden steigen an der falschen Haltestelle aus und verbringen die Nacht auf dem Hof einer alten Frau zusammen mit ein paar Jugendlichen aus dem Dorf und ihrem Enkel Kolja, der, wie sich später herausstellt, der Bräutigam ist. Es wird viel getrunken, und im Laufe der Nacht tötet Lucas in einem Anfall von Panik Drenka, eine junge Frau aus dem Dorf. Am nächsten Morgen soll die Hochzeit stattfinden, Kolja hat Lucas zum Trauzeugen auserkoren, der will aber so schnell wie möglich das Dorf verlassen. Widerwillig lässt er sich zu der Hochzeit mitnehmen. Die Stimmung auf dem Hof ist ausgelassen, es wird gescherzt und gesungen, alle warten auf die Braut. Da erscheint ihr Bruder – mit der toten Oxana auf den Armen. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass sie als Hexe in den Körper der jungen Frau gefahren war, die Lucas in der Nacht umgebracht hatte. Er wird zwar nicht als Mörder verdächtigt, soll aber nach dem letzten Willen der Verstorbenen für sie drei Nächte lang die Totenmesse in der Kirche abhalten, damit ihre Seele Ruhe findet. In der Kirche wird er von verschiedenen Dämonen, Teufeln und Hexen heimgesucht. Nach der zweiten Nacht fährt er überstürzt zurück nach Frankreich, wo ihn die Tote über Skype kontaktiert.

In dem Stück der bekannten ukrainischen Dramatikerin Natalia Vorozhbyt werden Motive aus Gogols phantastischer Erzählung »Der Wij« in die Gegenwart versetzt. Realistische Alltags- und Festtagsszenen wechseln mit phantastischen Bildern, in denen sich Menschen verwandeln, Figuren der mystischen ukrainischen Folklore ins Geschehen mischen oder sich eine Gänseschar unterhält.

Foto: Vladimir Yaitskiy via Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0 creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Video

Vorstellungen
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Regie Maksym Golenko
Ausstattung Fedor Aleksandrowytsch
Dolmetscherin Marina Schubarth
Dramaturgie Oliver Lisewski
Regieassistenz Nina Baak
Ausstattungsassistenz Sophie Lenglachner

Lucas Alexander von Säbel
Damian Konstantin Marsch
Alte Oma Sonka Thomas Schneider
Mittlere Oma Sonka Susi Wirth
Kolja Raimund Widra
Drenka Jenny Langner
Roman Philipp Quest
Oksana Sonka Vogt
Iwan/Ermittler Marian Kindermann

Maksym Golenko

Pressestimmen

Die Autorin Natalia Vorozhbyt, in der jungen Theaterszene ihres geschundenen Landes bereits ein großer Name, nutzt die Mystik von Geistern, Hexen und Gnomen der literarischen Vorlage von Gogol, um das Geschehen in die Gegenwart zu projizieren. [...]
Jenny Langner spielt diese Dsenka mit einer unglaublichen Hingabe an körperlicher Präsenz und Ambivalenz der Gefühle, von tiefer Trauer bis zu unbeschwerter Heiterkeit. Eine Glanzrolle! Regisseur Maksym Golenko hat die Schauspieler bis an die Grenzen ihrer künstlerischen Möglichkeiten geführt. Das spürt man nicht nur bei den Protagonisten, sondern auch bei den kleineren Rollen, die es dadurch so nicht gibt. Ob Susi Wirth als mittlere Oma Sonka, Philipp Quest als Roman oder Marian Kindermann als Iwan – nicht einer oder eine, ohne die diese Inszenierung diesen Erfolg gehabt hätte. Riesenanteil daran hat auch Fedor Aleksandrowytsch (Bühne und die Kostüme). Die schwarze, auf die Zuschauer spitz zulaufende Schräge vermittelte nicht nur mystische Düsternis, sondern bot mit vielen Falltüren unendlich viele Gefahren. Darüber hinaus symbolisierte sie mit jedem unsicheren Schritt der Schauspieler die permanente Gefahr des Sturzes, der Unsicherheit, des Unerwarteten. Der Wij, der Gnomenkönig, mit Erde bedeckt und Baumwurzeln als Arme und Beine, kommt in dieser Inszenierung nicht einmal vor. Und doch hat er eine künstlerische Brücke in ein nur wenig entferntes Land gebaut, das nun nicht mehr ganz so entlegen ist.

Rolf-Dietmar Schmidt, Volksstimme, 23. 5. 2016