Tanz der Piraten

Ballettdirektor Gonzalo Galguera im Gespräch

 

Es ist seit einigen Jahren geradezu eine Tradition geworden, dass das Ballett Magdeburg einen der großen Ballettklassiker des 19. Jahrhunderts auf die Bühne bringt. Was reizt dich daran?

Ich liebe es Geschichten zu erzählen! Und die klassischen Handlungsballette bieten dafür einfach viel Material – man kann die Geschichten und die Figuren immer wieder neu entwickeln. Dabei interessiert mich nicht das Museale, eine Rekonstruktion der damaligen Choreografien ist nur sehr unvollständig möglich, die Dokumentation ist sehr lückenhaft. Außerdem haben sich die Tänzerinnen und Tänzer nicht nur technisch sondern auch künstlerisch in den letzten 150 Jahren enorm weiter entwickelt. Ihre Persönlichkeiten regen mich an, die klassischen Stücke immer wieder neu zu befragen.

Wenn wir »Don Quichotte« »La Sylphide«, »Dornröschen« und »Coppélia« betrachten, worin liegen jeweils die Charakteristika? Und wie sieht das bei »Le Corsaire« aus?

Gemeinsam ist allen diesen Werken, dass sie das Rückgrat des Balletts bilden, aus ihnen hat sich die akademische Balletttradition entwickelt, mit der wir Tänzer aufwachsen. Und aus jedem dieser Stücke sprechen die Sehnsüchte seiner Entstehungszeit: Die Sehnsucht nach fernen Ländern, nach dem Süden, nach der Mythologie, nach technischem Fortschritt, nach Romantik – und auch die Vorstellung ganz bestimmter Geschlechtscharaktere.

Und was reizt dich besonders an der Korsaren-Geschichte? Wolltest du als Kind auch Pirat sein? Schließlich kommst du aus der Karibik …

Tatsächlich habe ich auf den Rat meines Großvaters hin die abenteuerlichen Geschichten von Jules Verne gelesen – und das hat mich ungeheuer fasziniert. Diese Abenteuer- und Entdeckergeschichten sind wichtig für jedes Kind, sie machen einfach Lust auf das Leben, Lust auf Neues. Und das steckt auch in den Piratengeschichten – aus ihnen spricht eine starke Sehnsucht nach Freiheit und nach echtem Heldentum. Dabei steckt auch moderner Geist in ihnen: Alles muss für immer ungeheuer schnell gehen, die Piraten wechseln auch in »Le Corsaire« dauernd von einem Ort zum anderen, sie lassen alles hinter sich und suchen neue Herausforderungen. Fast wie in unserer heutigen schnelllebigen Zeit, wo auf einen Reiz sofort der nächste folgen muss. Und dann finde ich an »Le Corsaire« sehr reizvoll, dass es ein Ballett mit spannenden und eigenständigen Aufgaben für die Männer der Kompanie ist …

Die literarische Inspiration liegt bei Lord Byron. Das ist düster-romantischer als ein Grimmsches Märchen.

Tatsächlich hat sich das Ballett »Le Corsaire« recht deutlich von der literarischen Vorlage emanzipiert. Byrons Gedicht ist eher als Inspirationsquelle, als Initialzündung des künstlerischen Prozesses anzusehen. Jede Theatergattung, sei es Schauspiel, sei es Oper, sei es Ballett, sucht ihre eigene Form, um Stoffe auf der Bühne umzusetzen. Das Besondere beim Tanz ist, dass er ohne Sprache auskommen muss. Damit ist er allerdings auch von der scheinbaren Eindeutigkeit, die Sprache vorgaukelt, befreit und kann sein eigenes künstlerisches Gleichgewicht entwickeln. Dabei gilt es, ein Gleichgewicht zwischen Geist und Körper, zwischen Ausdruckskraft und Form der Bewegung zu finden.

Im Klassischen Ballett war die Musik nicht vorgegeben, die Komponisten wie Minkus, Adam, Pugni, Delibes bis hin zu Tschaikowsky schrieben auf Anforderung mit genauer Takt-, Tempo- und Charaktervorgabe quasi »auf Bestellung« nach Wünschen des Choreografen. Heutige Choreografen sind da bei den Klassikern viel eingeschränkter und müssen die Musik verwenden, die da ist.

Ich sehe das positiv. Denn man merkt, wie gut diese Musik für den Tanz geschrieben ist, zumal die »Corsaire«-Musik auf besondere Weise die typische Entstehungsgeschichte klassischer Ballette spiegelt: Neben dem originalen Haupt-Komponisten Adolphe Adam kann man acht weitere Komponisten identifizieren, die an Marius Petipas grundlegender »Corsaire«-Choreografie mitgewirkt haben, bzw. im Verlauf der Aufführungsgeschichte Einlagen komponierten, die – wie der »Jardin animée« im 3. Akt oder der Pas de trois im 2. Akt – aus keiner »Corsaire«-Choreografie wegzudenken sind. Wenn man einen eigenen Ballettabend, wie z. B. »Die Wahlverwandtschaften« entwickelt, ist es sehr anregend, selbst Musik zusammenzustellen (in dem Falle von Schubert) oder sogar sich komponieren zu lassen (von Thomas Duda). Wenn die Musik vorgegeben ist, wie bei den Klassikern, dann fühle ich mich allerdings auf eine ganz andere Art freier: Der Rahmen ist vorgegeben, da muss ich nichts entscheiden – und kann mich neu und auch ein wenig naiv darin bewegen und meiner Vorstellungskraft folgen.

Kannst du schon etwas über die Besetzung sagen?

Den Korsaren Konrad, die männliche Hauptfigur, tanzt Adrián Román Ventura, sein Gegenspieler unter den Piraten, Birbanto, ist Daniel Smith. Konrads Begleiter, den Sklaven Ali, tanzt Raúl Pita Caballero und der Sklavenhändler Lankedem, der seine Ziehtochter Medora an den Pascha verkaufen will, wird von Andreas Loos getanzt. Medora, in die sich Konrad verliebt, also die weibliche Hauptrolle, tanzt Lou Beyne und ihre Freundin Gulnara ist Narissa Course. Darüber hinaus gibt es natürlich viele Rollen für die gesamte Kompanie, dazu Statisten – und natürlich die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Svetoslav Borisov.

Das Gespräch führte Ulrike Schröder