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Premiere:
Fr, 01.04.2011

Reigen

von Arthur Schnitzler
Schaupiel mit Musik

»Ich kann dein Gesicht gar nicht sehen.« »Ach was, Gesicht ...« In einer Abfolge von zehn Dialogen entfaltet der »Reigen« ein Panorama an Begegnungen, in deren Zentrum stets das sexuelle Begehren zu stehen scheint. Getrennt von Gedankenstrichen, die den Moment des Aktes anzeigen, zerfällt jede Szene in eine Darstellung des »Davor« und des »Danach«. Das Aufeinandertreffen von Dirne und Soldat bildet den Ausgangspunkt einer dominoartigen Verkettung, die sich über Dienstmädchen und jungen Herrn bis ins Zentrum der bürgerlichen Welt - das eheliche Schlafzimmer - fortsetzt. Nach Zwischenstationen in der Bohème schließt sich der Kreis mit der Begegnung von Graf und Dirne wieder und umfasst so das ganze Spektrum der Gesellschaft.

Versprechungen und Verführung, Lügen und Selbstbetrug, Drängen, Locken und Geld sind die Mittel, die zum Einsatz kommen, um die Lust zu stillen. Kaum aber scheint es dabei wirklich um die Liebe zum Gegenüber zu gehen. Mit unromantischem Blick, aber melancholisch im Ton, analysiert Schnitzler die Mechanik des Aneinander-Vorbei. Der Wunsch nach puren Gefühlen und rauschhafter Lust ringt in den Protagonisten stets mit Narzissmus, Machtwillen und Selbstsuche. Der Sex, den die Protagonisten mal plump, mal virtuos, mal triebhaft, mal intellektuell, mal direkt, mal raffiniert umtanzen wie das goldene Kalb, erweist sich zunehmend weniger als Zweck, denn vielmehr als Mittel. Jedes Reagieren des Gegenübers wird zu einem Spiegel, der die Kontur des eigenen Selbst klarer hervortreten lässt.

Nach zwei skandalbegleiteten Aufführungen des »Reigens« in Berlin und Wien hatte Schnitzler jede weitere Aufführung untersagt. Erst 1982 hob sein Sohn das Verbot auf. Die Regisseurin Claudia Bauer siedelt ihre Inszenierung in einem heutigen Jahrmarkt der Eitelkeiten an und spürt der Frage nach, inwieweit der fortschreitende Tabuabbau unserer Gesellschaft im Gegenzug das Verlangen nach Verbindlichkeit wieder verstärkt. In der Sehnsucht der Figuren nach einer besonderen Begegnung, danach, für einen anderen Menschen etwas Einzigartiges darzustellen, drückt sich ihre Not aus, der Beliebigkeit unendlicher Möglichkeiten etwas entgegenzusetzen. Sie erarbeitet dabei mit dem Musiker Peer Baierlein eine musikalische Erzählweise für den »Reigen« - ein szenisches Konzert über Attraktivitätszwang, emotionalen Marktwert und die nie versiegende Sehnsucht. Ein Requiem auf die Liebe, in dem sich Choräle und Punk-Rock durchmischen.

"Claudia Bauer setzt nicht auf Anprangern und Moralisieren. Dass die Inszenierung eine kluge und zudem im besten Sinne unterhaltsame ist, verdankt sie vor allem der humorvollen und streckenweise satirischen Leichtigkeit, mit der Bauer die Jetztwelt mit ihren ja in der Tat zugespitzten Verhältnissen in den `Reigen´ hineinholt. Nie kippt der Abend ins Thesentheater oder gar in eine Wertdebatte. Dem live gespielten Punk sei Dank. Und dem Selbstbewusstsein, mit dem das Ensemble sowohl körperlich als auch verbal agiert. Lachen und Weinen, schamlos genießen uns sich genussvoll schämen - in diesem `Reigen´ hält sich immer beides die Balance. Anschauen!" (nachtkritik, 2.4.2011)

"Arthur Schnitzlers `Reigen´ polarisiert und fasziniert noch nach mehr als 100 Jahren seit seiner Entstehung. Im Magdeburger Schauspielhaus hatte am Freitag eine Inszenierung mit eigens komponierter Musik Premiere, die statt Buhrufen begeisterten Beifall erhielt. Verblüfft registriert der Zuschauer, welch musikalisches und gesangliches Chorpotenzial in den Schauspielern steckt. In jedem der Dialoge gibt es ein Vorher und ein Nachher. Übrig bleiben Individuen, leer, ausgebrannt, enttäuscht und erneut auf der Suche. In einer Welt, in der Sexualität als Mittel zum Zweck Alltag ist, empört die Darstellung auf der Bühne kaum jemanden, das eigene moralische Entgleisen in kleinen wie in großen Dingen schon. Die Diskussion darüber zu entfachen, das ist dem `Reigen´ am Magdeburger Schauspielhaus gelungen." (Magdeburger Volksstimme, 4.4.2011)

Regie Claudia Bauer
Bühne/Kostüme Andreas Auerbach
Musik Peer Baierlein
Dramaturgie Dag Kemser

Dirne Michaela Winterstein Stubenmädchen Babette Slezak Junge Frau Christiane-Britta Boehlke Süßes Mädel Heide Kalisch Schauspielerin Julia Schubert Soldat Alexander Absenger Junger Herr Bastian Reiber Ehemann Konstantin Marsch Dichter Andreas Guglielmetti Graf Martin Reik

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